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Pflegende Angehörige

 

 

Bedingungen in der Pflege eines pflegebedürftigen Familienangehörigen

 

   

 

Verantwortung

Die Verantwortung für pflegende Familienangehörige ist enorm durch die Hilfebedürftigkeit und fehlende Selbständigkeit. Bei Kindern bleibt die Verantwortung über die Volljährigkeit hinaus. Bei späterer Unterbringung des erwachsenen Menschen mit Schwerstbehinderung schließt es die Verantwortung für seine Unterbringung und Wohlergehen ein.

 

Zeit

Die Aufgaben im Rahmen der Verantwortung stellen einen Eingriff in die Zeit der pflegenden Person dar. Einmal im täglichen Rahmen, aber auch in der Lebenszeit. Es bleibt wenig Freizeit für eigene Interessen. Verschärft wird der Zeitmangel bei Krankheiten oder bei Kindern die Ferienzeiten. Die Zeit wird zu einer Art Luxusgut. Deshalb trauen sich Betroffene oft nicht, Zeit kostenlos von anderen in Anspruch zu nehmen.

 

Emotionale Belastung

Die emotionale Belastung ist immens. Dabei spielen biographische Daten eine erhebliche Rolle und die emotionalen Belastungen werden durch die Reaktionen aus der Umwelt verstärkt. 

 

Tages- und Nachtrhythmus

Der normale Tages- und Nachtrhythmus ist oft gestört. Hinzu kommen noch Schlafstörungen aufgrund der permanenten psychischen Überlastung. 

 

Normaler Wochenrhythmus

Der normale Wochenrhythmus, mit 5 Arbeitstagen und dem Erholungswochenende, besteht nicht. Am Wochenende erhöht sich die Verantwortung, wenn beispielsweise kein Pflegeeinsatz einer Ambulanz stattfindet oder bei Kindern die Institutionen wie Kindergarten, Schule, Werkstatt geschlossen ist.  Statt Erholung bedeutet das Wochenende Arbeitsintensivierung.

 

Normaler Jahresrhythmus

Der normale Jahresrhythmus ist verändert. Feiertage bedeuten oft 24-Stunden-Versorgung. Ferienzeiten des Kindes können zu "Höchstbelastungen" fast ohne jeden Freiraum werden. Feiertage wie Weihnachten und Ostern können oft aufgrund innerer Anspannung nicht mehr richtig erlebt werden. Ein Wechsel von Arbeits- und Erholungszeiten sind kaum möglich.

 

Trennung von Arbeit, Freizeit und Wohnen

Eine Trennung von Arbeit, Freizeit und Wohnen fehlt, da das häusliche Umfeld Arbeitsplatz ist. Das soziale Umfeld findet hauptsächlich innerhalb der häuslichen Umgebung statt. Bestätigungen von Außen sind seltener und geringer, die Kommunikation ist begrenzter und insgesamt besteht immer die Gefahr der sozialen Isolation. 

 

Normale Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus

Die normalen Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus sind aufgrund der Dauerverantwortung und des eingeschränkten Zeitbudgets verändert. Selbstverwirklichung oder Freiräume zur eigenen Lebensgestaltung können nur durch eine umfassende Organisation und ein gut funktionierendes Netzwerk in Ansätzen realisiert werden.

 

Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung

Damit sind die Möglichkeiten auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung eingeschränkt. Aufgrund der besonderen Verpflichtung gegenüber dem pflegebedürftigen Angehörigen haben Pflegende Schwierigkeiten, sich dieses Recht zuzugestehen. Auch der Einfluss der sozialen Erwartung an eine "gute" Mutter oder "gute Tochter" etc kann diese Rechte auf mehr Eigenständigkeit in Frage stellen. 

 

Familienleben

Das Familienleben ist geprägt durch die Bedürfnisse des Gepflegten. Die pflegenden Familienangehörigen kommen in Bedrängnis, Zeiten für die Familie und Unternehmungen zu ermöglichen, die auch in "normalen" Familien üblich sind. Bei Kindern kommt es häufig zu Auffälligkeiten der Geschwisterkinder wie z.B. Schulprobleme. Der Druck der Pflegenden wächst, da es als besonders bedrückend empfunden wird, wenn die Familie "leidet" und sie fühlen sich dafür verantwortlich.

 

Gesellschaftlicher Druck

Nicht selten werden Familienangehörige in die (unbewusste) Aufgabe der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Anerkennung gedrängt. Da alle Familienmitglieder durch die Behinderung des Pflegebedürftigen in einer sozial auffälligen Familie leben, wird jedes Abweichen eines Familienmitgliedes von der Norm diese Familie noch auffälliger machen. 

 

Partnerschaft

Durch die hohe physische und psychische Beanspruchung besteht die Gefahr, dass die Pflege sich zwischen die Partner schiebt. Fehlende gemeinsame Zeiten, belastete Gespräche, durch seelische und körperliche Erschöpfung verursachtes sexuelles Desinteresse und unterschiedlicher Umgang mit der Trauer, sind nur einige Punkte, die eine Ehe belasten können.

 

Finanzielle und rechtliche Situation

Oft ist die ökonomische Situation von Familien mit pflegebedürftigen Familienangehörigen schlechter, als in vergleichbaren Familien. Die hauptsächlich Pflegende ist oft nicht in der Lage, einer regelmäßigen Berufstätigkeit nachzugehen und die Familie damit finanziell zu unterstützen. Trotz staatlicher Unterstützung entstehen zusätzliche finanzielle Belastungen für die behindertengerechte Wohnung, für Hilfsmittel, höhere Kosten für die Betreuung, etc. Die gesetzlich eingeräumten Rechte im Rahmen der Eingliederungshilfe, des Schwerbehindertengesetzes, des Steuerrechts, etc. müssen erfragt und Leistungen beantragt werden, was wiederum Zeit und Nerven kostet. Oftmals sind Beratungen zu den Leistungen unzureichend. Die Leistungen und Pflegegeld ersetzen kein zweites Einkommen. Es droht ein Abrutschen in die Armut.

Soziale Stellung der Pflegenden 

Die soziale Stellung ist aufgrund der Aufgabe und Eingebundenheit verändert. Das Ansehen kann sich ebenfalls verändern. Die eigene Einstellung zur Wertigkeit innerhalb der Gesellschaft kann belastet sein. Den Pflegenden wird nicht die Anerkennung entgegengebracht, die der verantwortungsvollen Aufgabe gerecht wird. 

 

Pflegende als Therapeuten

Pflegende Familienangehörige befinden sich in ihrer Funktion als "Therapeuten in einem Erfolgs- und Erwartungsdruck. Die eigene Kompetenz wird bei Abbau oder fehlender positiver Entwicklung in Frage gestellt. Schnell kann dadurch eine Überforderung entstehen. 

 

Zukunftsunsicherheit

Sorgen um die Zukunftsaussichten des Gepflegten und die eigene Zukunftsperspektive verstärken die alltägliche Belastung.

 

Körperliche Belastung

Durch Heben, Tragen und Transfer werden Pflegende körperlich stark gefordert. Für Ausgleichssport oder Gymnastik fehlt wiederum Zeit und Geld. Für geeignete Hilfsmittel und bauliche Veränderungen sind oft auch nicht die nötigen finanziellen Mittel parat.

 

Umfeld

Reaktionen der Umwelt vermitteln häufig eine "Mitschuld" an der Pflegebedürftigkeit (mangelnde Vorsorge in der Schwangerschaft, zu spätes Erkennen der Behinderung, mangelnde Förderung und Pflege, etc) und vermitteln Schuld- und Schamgefühle.

 

Gesellschaft

In unserer Leistungsgesellschaft ist kein Platz für Krankheit oder Behinderung. Es wird mit Rückzug, Stigmatisierung und Vorurteilen reagiert, die die gesamte Familie treffen. Pflegende sind oftmals in der Rolle der Bittstellers und empfinden sich als Almosenempfänger. An dieser Situation zerbrechen oft Familien und der Familienzusammenhalt zerbricht.

 

Lebensqualität

Die Handlungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Zwischenmenschliche Beziehungen sind durch Zeit- und Sozialfaktoren erschwert. Selbstachtung, Selbstsicherheit und Selbstanerkennung werden durch diese besondere Aufgabe tangiert. Die Lebensfreude kann aufgrund der emotionalen und physischen Belastung schwinden. Dies kann zu Stress, psychosomatischen Erkrankungen, psychischen Problemen und sozialer Desintegration führen.

 

Gewalt

Die Situation bei der Pflege im häuslichen Bereich durch Angehörige kann leicht eskalieren. Der pflegende Angehörige kann durch Überforderung, extremer Belastung, Schlafdefizit, unverarbeiteter alter Konflikte, Rollenverständnis, eigener Vereinsamung  usw schnell nicht angemessen reagieren. Reagiert darauf entsprechend der Gepflegte, schaukeln sich Auseinandersetzungen hoch. Daher sollten pflegende Angehörige immer Bezugspersonen und Rückzugsmöglichkeiten haben. Professionelle Pflege sollte in Anspruch genommen und Angebote wie ehrenamtliche Dienste, Kurzzeitpflege, Selbsthilfegruppen, etc genutzt werden. Angesichts der Lebenssituation der pflegenden Angehörigen sollte weitgehend auf Schuldzuweisungen verzichtet und der Deeskalation Vorrang eingeräumt werden. 

 

Persönliche Assistenz