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Camphill

 

Der Österreicher Karl König, geboren am 25.9.1902 in Wien, verstorben am 27.3.1966 in Überlingen am Bodensee, war Kinderarzt. Ab 1921 setzte er sich mit Rudolf Steiners Geisteswissenschaft, der Anthroposophie, auseinander. Über die anthroposophische Ärztin Ita Wegman kam er 1927 mit der Heilpädagogik in Kontakt und arbeitete ab 1929 als Kinderarzt in dem heilpädagogischen Heim Schloß Pilgramsheim in Niederschlesien. Bewusst verzichtete er dort auf die Bezeichnung „behindert“ und nannte sein Klientel „seelenpflegebedürftige“ Kinder. 

1936 war er aufgrund seiner jüdischen Abstammung gezwungen, nach Wien zurückzukehren, wo er eine Kinderarztpraxis eröffnete. Seine Idee, in Wien eine heilpädagogische Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage einzurichten, vereitelten 1938 die Nazis, vor denen er mit seiner Familie über die Schweiz und Italien nach Schottland flüchtete. 

Im schottischen Camphill Estate bei Aberdeen gründete 1940 Karl König die erste „Camphill Community for Children in Need of Special Care“. 1955 entstand mit seiner Unterstützung die Dorfgemeinschaft Botton Village im nordenglischen Yorkshire. Hier lebten behinderte und nichtbehinderte Erwachsene zusammen. In der Nachkriegszeit wurde aus diesen Anfängen die "Camphill Bewegung", benannt nach dem Ort der ersten Community.

Die "Camphill Bewegung" ist eine anthroposophische heilpädagogische Bewegung und der Waldorfpädagogik sehr ähnlich. Typisch für die Camphill-Gemeinschaften ist das familienorientierte Zusammenleben in dorfähnlichen Gemeinden. 

Das Wort „Behinderte“ wird eigentlich abgelehnt und ersetzt durch „Menschen mit Unterstützungsbedarf“. Diese Menschen mit Unterstützungsbedarf sind häufig mehrfachbehindert, haben schwere geistige, seelische und körperliche Beeinträchtigungen. 

 

 Münzinghof

 

In den Dörfern leben Menschen mit Unterstützungsbedarf mit ihren Betreuern und deren Familien  familienähnlich zusammen. Zusammen arbeitet man in unterschiedlichen Betrieben im Dorf wie Bäckerei, Küche, Wäscherei, Werkstätten, biologisch-dynamischer Landwirtschaft, Käserei, Hofladen etc. Die Betreuten finden Arbeit entsprechend ihren Fähigkeiten und Neigungen und können relativ selbstbestimmt leben. Das gemeinsame Leben und Arbeiten fördert die Gleichberechtigung unter den Dorfbewohnern nach dem Grundsatz, dass alle Menschen mit oder ohne Behinderung gleichwertige Individuen sind.

Zwang, Psychopharmaka und Fixierungen sind verpönt so weit es irgendwie geht. Stattdessen setzt die anthroposophische Pflege auf Erfahrungen der Naturheilverfahren, Physiotherapie, Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), Homöopathie (alternativmedizinische Behandlungsmethode „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ - Kritik: Placeboeffekt), Psychotherapie. Besonderer Wert wird auf künstlerische Therapien, Heileurythmie (Bewegungstherapie) und rhythmische Massage gelegt, auch, um die Lebensfreude zu steigern, das oberste Pflegeziel. Deshalb werden auch immer Angebote für schulische Weiterbildung oder die Möglichkeit zur Aneignung praktischer Fähigkeiten gegeben. Nicht die Produktion ist im Mittelpunkt, sondern das Entdecken eigener Interessen und Fähigkeiten, um einen Sinn im Leben zu sehen und das Selbstbewusstsein zu fördern.

 

 Hausenhof

 

Auch die Freizeit wird zusammen verbracht. Das kulturelle Leben mit Theater, Musik, Kunst, jahreszeitlichen Festen, gemeinsamen Andachten hat in den Dorfgemeinschaften einen hohen Stellenwert. 

Zunehmend werden in den Dörfern auch Altenpflegeeinrichtungen gebaut, um die Betreuten im Alter in der Dorfgemeinschaft zu behalten und ihnen einen würdevollen Tod zu ermöglichen.