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„Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ „Jungen weinen nicht!“

Das sind Lügen!

 

Trotz der Palliativmedizin sterben immer noch die Menschen überwiegend in einer Institution. Und dort arbeiten Pflegekräfte, unter anderem SozialpflegeschülerInnen. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob in Afrika bei Unruhen zehn Menschen sterben, auf der A1 bei einem Unfall zwei Menschen oder ein Mensch, den man persönlich kennt, den man Essen eingegeben hat, mit dem man gelacht, vielleicht sich auch über ihn geärgert hat. Die einen Todesfälle kennt man aus den Nachrichten, sind anonym. Der Mensch, den ich gepflegt habe, ist nicht anonym, hatte eine Persönlichkeit, gehörte mit zu meinem Leben.

Im Unterricht wird vermittelt, wie man mit Sterbenden umgehen sollte, was in der Pflege beachtet werden muss. Aber manche Pflegekraft fragt sich: „Was ist mit mir?“, „Wo bleibe ich mit meinen Gefühlen?“.

Meistens werden junge Menschen kaum mit Tod und Sterben konfrontiert, was auch daran liegt, dass die alten Menschen in ihrer Familie oftmals in Institutionen leben und sterben.

Zur Beruhigung sei bemerkt: Auch älteres und examiniertes Personal hat Schwierigkeiten mit dem Sterben eines Klienten. Auch heute noch wird dieses Thema vom sogenannten „altgedienten Personal“ tabuisiert, Gesprächen ausgewichen oder die eigene Hilflosigkeit mit teilweise flapsigen Sprüchen überspielt.

Es gibt verschiedene Faktoren, die für Pflegekräfte erschwerend wirken bei dem Umgang mit Sterben und Tod. Zum Beispiel, wenn ein Bewohner stirbt, zu dem man eine intensive emotionale Bindung aufgebaut hatte. Das ist in der Pflege, aber besonders in der Alten- und Heilerziehungspflege, wo man seine Klienten oft jahrelang betreut, häufig der Fall.

Wichtig bei der Verarbeitung solcher Erfahrungen ist es, die Überschrift zu beachten: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ „Jungen weinen nicht!“ Das sind Lügen!

  • Man darf seine Betroffenheit zeigen, nicht zu verwechseln mit Hysterie, und man hat das Recht zu weinen. Pflegekräfte sind keine Maschinen und sollen es nicht sein. Man muss ihnen zugestehen, ihre Trauer zu zeigen und auszuleben.
  • Die Konfrontation mit dem Tod bedeutet auch immer die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Das verunsichert, das ängstigt. Niemand muss sich für seine Ängste schämen und hat das Recht, offen darüber zu reden.
  • Der Tod ist für die Lebenden etwas Endgültiges und Unumkehrbares. Das Sterben eines Menschen offenbart dem Pflegenden die Grenzen seiner Möglichkeiten, macht ihn hilflos. Hilflosigkeit ist nur schwer auszuhalten, denn sie macht auch orientierungslos.
  • Als besonders schlimm wird es empfunden, wenn Jüngere oder Kinder sterben. Das eigene Weltbild wird verletzt, denn der normale Ablauf ist es, dass zuerst die Alten sterben. Das zerstörte eigene Weltbild führt ebenfalls zur Orientierungslosigkeit. Orientierungslosigkeit versetzt in Panik, löst Stress aus.
  • Belastend ist es, wenn nicht abgeschaltet werden kann und das Erlebte mit in das Privatleben genommen wird. Doch oftmals hat man dort keinen geeigneten Gesprächspartner und es bleibt das Gefühl der Hilf- und Schutzlosigkeit.

Alle diese Gefühle sind normal und keine Zeichen für Schwäche. Pflegekräfte haben wie alle anderen Menschen ein Recht auf ihre Gefühle und das Recht, sie auch zu zeigen.

Es ist wichtig, für sich Strategien zu entwickeln, um mit der Erfahrung Sterben und Tod umgehen zu können.

  • Hilfreich ist es, die Balance zwischen Nähe und Distanz zum Klienten zu finden. Es beinhaltet Wertschätzung für den Klienten, stellt aber auch einen Eigenschutz dar.
  • Ein gutes Team geht nicht zur Tagesordnung über. Man tauscht sich aus und redet über die Erfahrung und seine Gefühle. Dabei werden ältere Pflegekräfte und Praxisanleiter immer ein besonderes Augenmerk auf die Schüler und Praktikanten haben und Gesprächsangebote geben. Die sollte man annehmen können und nutzen. Pflegepersonal, das in solch einer Situation offen miteinander redet, Gefühle zulässt, sich austauscht, erfährt ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl und entwickelt neue Stärken. Das alleine kann bereits tröstend wirken.
  • Hilfen anzunehmen ist wesentlicher Bestandteil, um eine Sterbeerfahrung zu verarbeiten. Dazu gehört auch professionelle Hilfe wie beispielsweise Supervision. Aber man kann auch das Gespräch mit einem Pfarrer oder Seelsorger in Anspruch nehmen. Pflegeschüler haben noch einen besonderen Rückhalt: Die Schule. „Störungen haben Vorrang“. Dann entfällt eben der geplante Unterrichtsstoff. Unterrichtsstoff kann man nämlich nachholen, eine verletzte Seele braucht sofort  Hilfe. Und manchmal ist es erstaunlich, was Mitschüler dazu zu sagen haben, die man vielleicht vorher ganz anders eingestuft hatte. Man ist nicht „cool“, wenn man etwas in sich reinfrisst. „Cool“ ist man, wenn man sich traut, offen zu reden und zu seinen Gefühlen steht. Wenn man die Erfahrung macht, dass man mit seinen Problemen und Gefühlen nicht alleine ist, hat man sich eine ganz wichtige Strategie, ein Coping, erarbeitet, um mit solchen Krisensituationen umgehen zu können.
  • Wenn ein Mitschüler seine Ängste bezüglich Konfrontation mit dem Tod formuliert und man ehrlich genug zu sich selbst ist, um zu wissen, dass man vor einer solchen Situation ebenfalls Angst hat – nehmt den Mitschüler in den Arm, auch wenn ihr ihn sonst nicht leiden könnt. Das gibt ihm Halt und euch auch.
  • Ein wesentlicher Gesichtspunkt der Bewältigung sind auch die räumlichen Voraussetzungen der Institution, in der man arbeitet. Hat die Institution beispielsweise ein Sterbezimmer, ist ein würdevoller Abschied in entsprechenden Räumen möglich? Solche Fragen sind nicht unerheblich und spiegeln Wertschätzung wieder: gegenüber dem Verstorbenen, Angehörigen, Mitbewohnern und Pflegepersonal.
  • Wichtig zur Bewältigung ist auch, wie der Klient gestorben ist. Konnte man ihm während des Sterbens Wünsche erfüllen, hat man alles für ihn getan, was man tun konnte? Konnte man selber einen Beitrag dazu leisten, dass der Klient in Würde sterben konnte? Wenn das gelungen ist, kann man mit Recht stolz sein, man überwindet seine Hilflosigkeit und das Sterben bekommt einen Sinn. 

​Rituale und Traditionen helfen bei der Erfahrung des Sterbens. Sie erfüllen symbolhaft eine Auseinandersetzung mit dem Tod, übertragen die Grundfragen der menschlichen Existenz in einen überschaubaren Rahmen, sind greifbar und damit nicht mehr unheimlich. Mit ihrer Anschaulichkeit, Fassbarem und vor allem der Überwindung des Passiven haben sie eine entlastende Funktion und geben Orientierungshilfen.

 

Rituale und Traditionen unterstützen nicht nur Angehörige, Freunde, Mitbewohner, sondern sie helfen auch dem Pflegepersonal in der Bewältigung des Erlebten. Trauerecken, Gedenkbücher, kleine Altare, die Rose vor dem Zimmer eines Verstorbenen, sein Bild im Tagesraum helfen nicht nur Angehörigen und Mitbewohnern in ihrer Trauer. Das Pflegepersonal erkennt an diesen kleinen Gedenkorten, dass die geleistete Arbeit und Leistung sinnvoll war, erkennt indirekt einen Sinn im Sterben und Tod ihres Klienten. Ihre eigene Trauer wird öffentlich, sie sind mit ihrer Trauer nicht mehr allein. 

Ihr seid ja nur "Sozialpflegeschüler"? Ihr habt genügend Mut, um in einem solch sensiblen Bereich eine Ausbildung zu beginnen. Ihr traut euch, mit Menschen zu arbeiten, die nicht zu eurer Erlebniswelt passen. Damit beweist ihr bereits eine ungeheuere Stärke betreffs eurer Sozialkompetenz. Ihr habt die Kraft, um mit einem Sterbeerlebnis fertig zu werden, auch wenn ihr es zunächst selber nicht seht. Kommt ihr in eine solche Situation, wird es Tränen geben und Trauer. Aber ihr seid stark und werdet eure Copings finden. Wenn ihr das Gefühl habt, es nicht alleine zu schaffen - vertraut uns, den älteren Pflegekräften und Lehrern - wir lassen euch nicht im Stich und sind für euch da. Ihr werdet erfahren, dass eine solche Situation ängstigt, aber dass ihr aus dieser Situation gestärkt hervorgeht.

 


 

In dem Krankenhaus, in dem ich lernte, war es üblich, dass die Pfleger die Patiententransporte übernehmen mussten, auch zur Pathologie. Es gab eine Liste auf allen Stationen, auf welcher Station ein Pfleger an welchem Tag arbeitet und Bereitschaft hat.  

Sonntagnachmittag ein Anruf von der Kinderklinik: auf ihrer Station ist der Bereitschaftspfleger. Ein Säugling muss zur Pathologie gebracht werden. Moment, dieser Pfleger ist ein 17jähriger Zivi. Als der „Pfleger“ seinen Auftrag mitbekam wurde er kreideweiß. Diskussionen halfen nicht. Ich marschierte an seiner Stelle in die Kinderklinik. Wieso eine Schwester käme? Wieso sie einem 17jährigen Zivi solchen Auftrag zumuten? Ich bekam schließlich „mein Paket“, eingewickelt in Baumwolltüchern, verklebt mit Pflaster, und brachte es zur Pathologie. Die anwesenden Kinderkrankenschwestern waren doppelt so alt wie ich. Das macht mich nach fast vier Jahrzehnten noch immer fassungslos und wütend.

Auf dem Weg zur Pathologie streichelte ich das Paket unentwegt, spürte seinen Körper, sang Kinderlieder, drückte es an mich. Ich kannte nicht den Namen des Säuglings, aber eigentlich war es auch egal. Meine Tränen kühlten mein heißes Gesicht, als ich das Baby dem Pathologiepfleger überreichen musste. Dieses Baby begleitete mein Leben.

Danke Baby, dass es dich gab. Du hast meinen Gerechtigkeitssinn geschärft, hast mich empfindlich gemacht. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich dich aus den Baumwolltüchern und Pflastern befreit und dein Gesicht gesehen. Damals traute ich mich nicht. Aber du warst ein wundervolles Baby und hast mich stets begleitet. Egal wohin. Durch dich habe ich erfahren, was Menschlichkeit und ein würdevolles Sterben bedeutet. 

 


 

Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen im Artikel 8:

„Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.“

Deklaration der Menschenrechte Sterbender 

  • Ich habe das Recht, bis zu meinem Tod wie ein lebendiges menschliches Wesen behandelt zu werden.
  • Ich habe das Recht, stets noch hoffen zu dürfen - worauf immer sich diese Hoffnung auch richten mag.
  • Ich habe ein Recht darauf, von Menschen umsorgt zu werden, die sich eine hoffnungsvolle Einstellung zu bewahren vermögen - worauf immer sich diese Hoffnung richten mag.
  • Ich habe das Recht, Gefühle und Emotionen anläßlich meines nahenden Todes auf die mir eigene Art und Weise ausdrücken zu dürfen.
  • Ich habe das Recht, kontinuierlich medizinisch und pflegerisch versorgt zu werden, auch wenn das Ziel „Heilung“ gegen das Ziel „Wohlbefinden“ ausgetauscht werden muss.
  • Ich habe das Recht, nicht allein zu sterben.
  • Ich habe das Recht, schmerzfrei zu sein.
  • Ich habe das Recht, meine Fragen ehrlich beantwortet zu bekommen.
  • Ich habe das Recht, nicht getäuscht zu werden.
  • Ich habe das Recht, von meiner Familie und für meine Familie Hilfen zu bekommen, damit ich meinen Tod annehmen kann.
  • Ich habe das Recht, in Frieden und Würde zu sterben.
  • Ich habe das Recht, meine Individualität zu bewahren und meiner Entscheidungen wegen auch dann nicht verurteilt zu werden, wenn diese in Widerspruch zu den Einstellungen anderer stehen.
  • Ich habe das Recht, offen und ausführlich über meine religiösen und/ oder spirituellen Erfahrungen zu sprechen, unabhängig davon, was dies für andere bedeutet.
  • Ich habe das Recht, zu erwarten, dass die Unverletzlichkeit des menschlichen Körpers nach dem Tod respektiert wird.
  • Ich habe das Recht, von fürsorglichen, empfindsamen und klugen Menschen umsorgt zu werden, die sich bemühen, meine Bedürfnisse zu verstehen und die fähig sind, innere Befriedigung daraus zu gewinnen, dass sie mir helfen, meinem Tod entgegenzusehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 


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