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"Verwirrt nicht die Verwirrten"

 
 
Professor Erwin Böhm
 
 
Begründer
 
 Psychobiographische Pflegetheorie
 Psychobiographische Pflegemodell
 
 
 geboren 16.5.1940
 ursprünglicher Beruf Autospengler
 1963 Examen Krankenpflege
 verschiedene Fachgebiete Psychiatrie
 1985 „Krankenpflege-Brücke in den Alltag"
 1988 „Verwirrt nicht die Verwirrten" (Modell für den stationären Bereich) 
 Reaktivierungskonzept: Hilfe zur Selbsthilfe
 
 
Psychobiographische Pflegemodell
 
 ganzheitlich praxisorientierter Ansatz für Geriatrie und Gerontopsychiatrie
 vertieftes Pflegeverständnis durch intensive Auseinandersetzung mit der Gefühlsbiographie der Betroffenen.
 
Ausgangssituation
 
 Anstieg demenziell erkrankter Menschen durch höhere Lebenserwartung
 Pflegesituation im Heimalltag wird für Pflegende immer komplexer
 Demenz ist kein organisches, sondern ein psychobiografisch interpretierbares  Problem 
 
Ab 1965 Reaktivierungsmodell
 
 Beginn einer rehabilitativen Pflegeform
 Statt „Warm-Satt-Sauber-Pflege" eigenständige Alltagsbewältigung
 über Biografiearbeit die Aktivitäten finden, die Bewohnern bekannt sind 
 Normalität (z.B. Befriedigung des Hygienebedürfnis der Pflegenden)
 psychische Wiederbelebung ("Reaktivierung")
 Förderung der noch vorhandenen Ressourcen
 Anerkennung der psychobiographisch gewachsenen Identität
 
 
Gegenstände aus der Prägezeit
 
der Bewohner vermitteln ihnen Sicherheit. Sie erkennen diese Dinge wieder, mit ihnen können sie umgehen, sie sind ihnen vertraut.
 
 
 
Aber Vorsicht! Wer sein Leben lang Klassische Musik bevorzugte und eine Abneigung gegen Schlager hatte, für den ist diese Musik eher eine Quälerei. Und für ihn war Peter Kraus kein Idol. In den Altersheimen werden oft die alten Menschen mit "Volksmusik" (Die eigentlich gar keine ist, sondern volkstümliche meist schlecht gemachte Schlager) dauerberieselt. "Das ist eben der Geschmack der alten Menschen."
 
 
Ich bezeichne solche Musik als "Dicke-Backen-Musik" und der Himmel bewahre mich davor, eines Tages in einem Altenheim zu sitzen, wo sowas plötzlich "mein Geschmack" sein soll. Da gäbe es für mich nur zwei Möglichkeiten: Rückzug oder Aggression. Da dürfte man mir schon eher mit dieser Dame kommen. Sie kann wenigstens singen.
 
 
 
 
Interaktionsstufen
 
Der alte Mensch kann sich nach Erwin Böhm auf sieben Interaktionsstufen befinden, zu denen ein eigener Zugangsweg gefunden werden muss. ​Diese Interaktionsstufen dienen als Anhaltspunkte und dürfen nicht so verstanden werden, den alten Menschen mit einem Kind gleichzusetzen. Sie sind ein Weg, den alten Menschen "abholen" zu können, ihn zu stabilisieren und zu reaktivieren. 
 
Stufe 1: Sozialisation
Stufe entspricht dem Erwachsenenalter. Eine normale Unterhaltung ist möglich (evtl. etwas lauter oder langsamer). Der alte Mensch ist kognitiv erreichbar, also ein physiologischer Alterungsprozess. 
 
Stufe 2: Mutterwitz
Die kognitive Leistung des alten Menschen hat etwas nachgelassen, aber er ist über Gespräche erreichbar, reagiert auf eine gewisse Art von Humor (z.B. Augenzwinkern, derbe Sprache - individuellen Humor berücksichtigen). Noch ist es ein physiologischer Alterungsprozess. 
 
Stufe 3: Seelische und soziale Grundbedürfnisse
Stadium entspricht der Pubertät (12 bis 16 Jahre). Es zeigen sich Verhaltensauffälligkeiten und erste kognitive Einbußen. Der alte Mensch ist nicht mehr über die Noopsyche erreichbar (Teil des Seelenlebens, der den Intellekt betrifft: Orientierung, Bewusstsein, Wahrnehmung, Intelligenz [Auffassung, Aufmerksamkeit, Konzentration], Gedächtnis, Denken, Sprache < Thymopsyche). Vernachlässigte Grundbedürfnisse (z.B. Zuneigung) aus der Kindheit werden eingefordert (z.B. Schreien). Hier beginnt der pathologische Abbau.
 
Stufe 4: Prägung
Erlernte Verhaltensnormen oder Rituale vermitteln Sicherheit (6. bis 12. Jahr). Wichtig sind nun regionale oder religiöse Einflüsse (z.B. Herkunft, Dialekt).
 
Stufe 5: Höhere Antriebe
Um den alten Menschen zu erreichen, muss man einen Lebenssinn vermitteln (ca 3 bis 6 Jahre). Auf welchen Reiz reagiert er (z.B. Essen). Nur wenn der richtige Reiz angesprochen wird, gelingt es, ihn zu aktivieren. 
 
Stufe 6: Intuition
Diese Stufe entspricht der frühen Kindheit (1 bis 3 Jahre). Märchen, Religion, Mythen spielen eine große Rolle, der alte Mensch lebt in der „guten, alten Zeit“, träumt von geliebten Menschen, vertrauten Personen. Er reagiert rein gefühlsmäßig, da er die Welt kognitiv nicht mehr verstehen kann. 
 
Stufe 7: Urkommunikation
Verhalten eines Säuglings, Betroffene liegen oft in embryonaler Stellung im Bett, sind teilnahmslos. Einzige Möglichkeit, sein Ich wahrzunehmen, ist das Spüren des eigenen Körpers (z.B. Anfassen der Genitalien, spielen mit eigenem Kot). 
 
 
Erreichen des alten Menschen auf den Interaktionsstufen
 
Vorraussetzung
 
  Erstellung einer Biographie
> chronologischer Lebenslauf zweitrangig
> vorrangig Psychobiographie (Geschichtchen, sog. Stories) 
> Ermittlung seiner Copings (Bewältigungsstrategien) 
  Besonderes Augenmerk auf die ersten 24 Lebensjahre (Prägung)
 
Interpretation der Biographie
 
  Grundtypenzuordnung (z.B. früher eher extrovertiert, introvertiert)
  Identifikationsmuster (wer hat den alten Mensch besonders geprägt)
  Grund- und Nachholbedürfnisse (welche Bedürfnisse waren wichtig) 
  Coping (welche Bewältigungsstrategien dienten der Problemlösung) 
  Über-Ich-Normen (welche Regeln, Werte galten in der Prägungszeit)
  „Was erregt“ (was mochte der Betreffende früher gerne, was nicht) 
  Normalität (was war in der Prägungszeit normal)
  Ich-Identität („Wichtig-Sein“: wann fühlte sich der Mensch wichtig)
  Daheim-Gefühl (was vermittelte in der Prägungszeit zu Hause)
  Triebe- und Ersatzhandlungen (z.B. Sexualität, Aggression)
  Weitere Fragen (Was fehlt heute? Was ist anders als früher? Was hindert daran, ein Leben so normal wie möglich zu gestalten?)
 
Die Interpretation der Biographie ermöglicht Erkennung von Problemen und deren Ursachen. So können Lösungen (Impulse) gesucht werden, um den alten Menschen stabil auf seiner aktuellen Interaktionsstufe zu halten oder ihn auf die nächsthöhere Stufe zu reaktivieren. 
 
Ziel des psychobiographischen Pflegemodells
 
  Den alten Menschen zu stabilisieren und zu reaktivieren
  Alte Menschen sollen aufleben, sich wichtig und daheim fühlen
  Förderung der Selbständigkeit (selbständig fühlen, mitentscheiden) E Steigerung des Wohlbefindens
  Größere Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter
 
 
Zitat Erwin Böhm: „Wir betreuen Menschen und nicht Betten.“ 
 




 

Geschichte
 
 
Hinter den "Geschichtchen" der Bewohner steht die Geschichte. In welcher Zeit wurden sie geboren, in welcher Zeit geprägt?
 
Wie wirkten sich beispielsweise Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Flucht, Vertreibung, Nachkriegszeit, Mauerbau, politische Verhältnisse und Systeme etc auf ihre Psychobiographie aus? Welche Lebensumstände, Verhältnisse, Arbeitsbedingungen, Werte bestimmten ihre Erlebniswelt als Kind, junger Mensch?
 
Um den alten Menschen, wobei nicht nur Menschen mit einer dementiellen Erkrankung gemeint sind, verstehen, ihn in seinen Handlungen begreifen zu können, aber auch um Missverständnisse zwischen den Generationen zu vermeiden, sollte sich das Pflegepersonal um gute Kenntnisse der jüngsten Sozialgeschichte bemühen. In dem Moment, wo das Pflegepersonal gegenüber alten Menschen ein ehrliches geschichtliches Interesse bekundet, sind erfahrungsgemäß mehr wie genug Gesprächsstoffe vorhanden und ein Weg entsteht zu den bestimmenden Lebensereignissen der Bewohner.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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