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Generalisierte Pflegeausbildung?

 

Im internationalen Vergleich gibt es in den meisten Ländern nicht die Trennung von Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege. Mit dem  Konzept der Generalisierten Pflegeausbildung wurde in Hamburg im Oktober 2003 ein Modellversuch gestartet, um diese getrennten Ausbildungen Altenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Gesundheits- und Krankenpflege in einer 3 1/2 Jährigen Ausbildung zusammenzufassen. Für die Gesundheits- und Krankenpflege entfiel 50% der Ausbildung und auf Altenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege je 25%. Die  generalisierte Pflegausbildung findet nicht wie gewohnt in Fächern wie Medikamentenlehre, Krankheitslehre, Anatomie, etc statt, sondern in lernfeldorientierten Modulen, die ineinander übergreifen. Nach drei Jahren wird die staatliche Prüfung abgelegt, im letzten halben Jahr spezialisieren sich die Auszubildenden auf einen Bereich. 

Vorteil: 

  • Die Auszubildenden können in allen drei Bereichen tätig werden. (Was in der Praxis aber schon lange so ist).
  • „Hierarchie“ und „Standesdünkel“ zwischen den Berufsgruppen wird abgebaut.
  • Auszubildende brauchen sich nicht sofort entscheiden, welche Pflegerichtung ihnen wirklich liegt. Wer Kinder im Alter von 14 bis 20 Jahren hat, weiß, wie diffus die Suche nach dem Traumberuf ist. Das ist das gute Recht dieser Jugendlichen. Denn es geht um ihre Zukunft, Arbeitszufriedenheit, Interessen und Neigungen. Schulpraktika sind richtig und wichtig. Aber in den paar Tagen bekommen die Jugendlichen keinen wirklichen Einblick in den künftigen Beruf.

Nachteil:

  • Wieder eine Reform der Pflege, die mit der heißen Nadel gestrickt ist und an die internationalen Standards nicht heranreicht. Denn im internationalen Vergleich ist die Krankenpflegeausbildung eine Ausbildung, die vergleichbar ist mit einem Abschluss der Fachhochschule oder Universität.
  • Der Schwerpunkt auf der Krankenpflege wertet die Altenpflege und Kinderkrankenpflege ab.
  • Die Zeit der Spezialisierung ist zu kurz.
  • Die Heilerziehungspflege fällt gänzlich heraus.

Idee und Konzept für eine generalisierte Pflegeausbildung sahen einmal anders aus.

  • Die Pflegeausbildung gehört nicht an Berufsfachschulen, sondern an Fachhochschulen.
  • Bestehende Berufsfachschulen müssen die Anerkennung als Fachhochschulen erlangen.
  • Praxisverträge werden zwischen der Fachhochschule und den Pflegeeinrichtungen abgeschlossen. Die Pflegeeinrichtungen müssen einen Nachweis erbringen, dass sie überhaupt in der Lage sind, die praktische Ausbildung garantieren zu können.
  • Bafögförderung

 

 

 

Das wäre mal eine echte Reform. Die Pflegeausbildung bliebe durchlässig auch für die "Spätzünder", dass heißt, auch Hauptschüler oder Sonderschüler hätten die Chance über die Berufsfachschulen der Pflegefachhelfer auf die Berufsoberschule für Pflege (BOS Pflege) zu kommen. Allerdings mit einer Einschränkung: Wer den Abschluss nicht mit der Mittleren Reife schafft, müsste die Vorklasse der BOS Pflege absolvieren. 

Warum? Weil es sich bereits oft gezeigt hat, dass die Pflegefachhelfer in den dreijährigen Ausbildungen häufig "Schiffbruch" erleiden oder es sehr schwer haben, sich an das Ausbildungsniveau heranzukämpfen. Nicht weil sie dumm oder faul sind, sondern weil ihnen einfach schulisches Wissen fehlt. Die Vorklasse wäre auch praktisch orientiert, aber allgemeinbildende Fächer würden die Schüler auf das Niveau der Mittleren Reife bringen.

Wer die Mittlere Reife hat, kann in die zweijährige Grundausbildung der BOS Pflege einsteigen. Bei erfolgreichem Abschluss der Grundausbildung erhalten die Schüler die Fachhochschulreife und wechseln damit von der BOS an die Fachhochschule für Pflege (FH Pflege). Jetzt beginnt die Spezialisierung auf Kranken-, Alten-, Heilerziehungs-, Kinderkranken-, Entbindungspflege, Rettungsassistenz oder Podologie.

Plötzlich wären die pflegerischen Berufe allein aufgrund des Abschlusses interessant und nicht nur für Haupt- und Realschüler. Das wäre auch bitter nötig, denn der derzeitige Pflegenotstand reicht bereits. Nebenbei würde das allgemeine Niveau der Absolventen gesteigert. Wünschenswert, wenn man manchmal Pflegeberichte liest. Die Hierarchie innerhalb der Pflegeberufe wäre aufgehoben und die Berufswahl würde sich nach persönlicher Neigung richten. 

Das Bafög könnte der Staat leicht verschmerzen. BOS und FH würden mitfinanziert durch die Praktikastellen. Und zwar als Pflichtabgabe für alle Pflegeeinrichtungen. Wer für sein Geld was haben will, stellt Mentoren und sichert die praktische Ausbildung qualitativ ab. Dann bekäme er auch Praktikanten. So könnten auch kleine Pflegeeinrichtungen profitieren, die sich bisher keinen Schüler oder Schülerin "leisten" können. Aber die SchülerINNEN wären raus aus der Abhängigkeit von Einrichtungen.

Mal ein Beispiel aus der Praxis: Ein Heimbetreiber drohte einer Altenpflegeschule damit, keine Ausbildungsplätze mehr zur Verfügung zu stellen, wenn im Unterricht noch einmal das Thema Gewerkschaft oder Organisierung des Pflegepersonals angesprochen werden würde. Die Schulleitung reagierte mit dem "Kaltstellen" der Lehrkraft, denn auf sechs Ausbildungsplätze konnte sie nicht verzichten.

Und noch ein Beispiel aus der Praxis: Vier Altenpflegeschüler hatten ihren Ausbildungsvertrag bei einem ambulanten Pflegedienst. Die Einsatzleitung achtete darauf, dass die Schüler meist vier, maximal sechs Arbeitsstunden täglich bekamen. Warum? Weil sie dadurch gezwungen waren, auch an den Sonn- und Feiertagen durchzuarbeiten, um ihre Stunden erfüllen zu können. Im Klartext hieß das, drei Jahre ohne freien Tag durcharbeiten, Proteste wurden mit der Drohung beantwortet, den Ausbildungsvertrag zu kündigen.

Der Staat zahlt bisher für unzählige Studenten Bafög, auf die nach dem Studium die Arbeitslosigkeit wartet, zum Beispiel die Studiengänge Lehramt. Viele der Lehramtsanwärter haben bei sinkenden Schülerzahlen keine reale Chance auf Anstellung. Und viele dieser Studenten würde ein Pflegestudium in Erwägung ziehen, wenn es ein Studium wäre.  Und wenn anschließend die Bezahlung stimmt. Da würde sich das Bafög doch lohnen, denn gerade bei der Pflege wäre die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung am höchsten. 

Es spricht also viel für eine generalisierte Pflegeausbildung, vorrausgesetzt, dass die Ausbildung von Grund auf reformiert wird und nicht wie bisher irgendeine Flickschusterei ist. An eine Krankenpflegeausbildung ein halbes Jahr heranzuhängen und dann noch ein bisschen Alten- oder Kinderkrankenpflege anzubieten ist jedenfalls keine Lösung und wertet die Altenpflege und Kinderkrankenpflege schlichtweg ab. 

 Generalisierte Pflegeausbildung?

Wir reden nicht davon. Wir setzen sie um.

Die zweijährige Ausbildung zum / zur staatlich geprüften SozialbetreuerIN und PflegefachhelferIN stellt einen Anfang dar zur generalisierten Pflegeausbildung. Die Sozialpflege umfasst die Alten-, Kranken- und Heilerziehungspflege. Die Praxisfächer Sozialpflegerische Praxis, Grundlagen der Pflege und Betreuung, Pflege und Betreuung, Lebenszeit- und Lebensraumgestaltung und Hauswirtschaft decken alle drei Ausbildungsrichtungen gleichberechtigt ab. Es werden in allen Ausbildungsrichtungen Praktikas absolviert. Dadurch gewinnen die SchülerINNEN einen Überblick über mehrere Pflegeberufe. In der 11. Klasse können sich die Schüler/innen spezialisieren.  

Nach der Ausbildung könnte man theoretisch als SozialbetreuerIN und PflegefachhelferIN arbeiten. Für die meisten AbsolventINNen ist die Ausbildung aber ein Sprungbrett zu vielen weiteren Berufen. Praxisorientierte Fächer, Arbeitsformen wie Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit und das Lernfeldkonzept bereiten die SchülerINNEN gut auf die weiterführenden Berufsausbildungen vor. 

Die SchülerINNEN, die ihre Berufsausbildung mit einem Notendurchschnitt von mindestens 3 und Note 4 oder besser in Englisch abschließen, erhalten die Mittlere Reife und können dadurch auch einige weiterführende Berufsausbildungen verkürzen. 

Staatlich geprüfte SozialbetreuerINNEN und PflegefachhelferINNEN erfüllen unabhängig vom Notendurchschnitt die Vorraussetzungen für eine weitere Ausbildung zum / zur 

  • AltenpflegerIN 
  • Gesundheits- und KrankenpflegerIN 
  • Gesundheits- und KinderkrankenpflegerIN 
  • Hebamme oder Entbindungspfleger
  • FamilienpflegerIN 
  • ArzthelferIN
  • MasseurIN und medizinischer BademeisterIN 
  • HeilerziehungspflegehelferIN 
  • RettungsassistentIN
  • Podologin oder Podologe

Mit dem Mittleren Bildungsabschluss 

  • HeilerziehungspflegerIN
  • PhysiotherapeutIN
  • ErgotherapeutIN
  • ErzieherIN

Über diese Berufe kann man die fachgebundene Fachhochschulreife erlangen. Als Sozialbetreuer mit Mittlerem Bildungsabschluss erfüllt man aber auch die Voraussetzungen für die Berufsoberschule und kann dort die allgemeine Fachhochschulreife, bzw mit entsprechendem Notenschnitt und der 13. Klasse das Abitur erlangen.

Gerade für die sogenannten "Spätzünder" ist die Ausbildung zur SozialbetreuerIN und PflegefachhelferIN ein reeller Einstieg in den Aufstieg. Es gibt viele Gründe, warum die schulische Laufbahn nicht so verlaufen ist, wie es erwünscht war. Aber es gibt auch Wege, die doch noch zum Ziel führen.

Beispiele:

Lisa kam mit einem Hauptschulzeugnis mit dem Notendurchschnitt 4,6 an eine Berufsfachschule für Sozialpflege. Das Probehalbjahr bestand sie mit einem Notendurchschnitt von 1,4. Auf die erstaunte Nachfrage der Lehrkräfte stellte es sich heraus, dass Lisas Familie umziehen musste, als sie in der 1. Klasse war. In der neuen Klasse wurde sie bis zum Ende der Schulzeit als "Zugereiste" massiv gemobbt. In der Berufsfachschule fühlte sie sich vom ersten Tag an angenommen, in der Klasse integriert und wohl. Die Ausbildung schloss sie mit dem Notendurchschnitt 1,0 ab, ebenso später die Ausbildung zur Altenpflegerin. Ab nächstem Jahr wird sie "Innovative Pflegepraxis" studieren.

Nasir kam mit einem mittelmäßigen Hauptschulabschluss und bezeichnete ihren ehemaligen Klassenlehrer als "Moslemfresser", der sie und andere Migrantenkinder nach ihrer Meinung stets schlechter benotete als die deutschchristlichen MitschülerINNEN. Notendurchschnitt 1,4 als Sozialbetreuerin, Examen als Gesundheits- und Krankenpflegerin mit 1,8 plus Fachhochschulreife, studiert zur Zeit Pflegewissenschaft.

Waldemar kam erst in der 5. Klasse aus einer ehemaligen SU-Republik nach Deutschland. Die Zeit reichte nicht für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Ausgestattet mit gehörigem Ehrgeiz schaffte er den Abschluss als Sozialbetreuer mit 2,4, wechselte zur BOS, machte nach einer Ehrenrunde sein Fachabitur und studiert inzwischen Maschinenbau. Auch so etwas geht. 

Tanja war eine gute Schülerin bis zur Scheidung ihrer Eltern. Der Vater zog weit weg und kümmerte sich ab da kaum um sie und ihre beiden Geschwister. Mit einem neuen Lebensgefährten und einem gemeinsamen Kind verlor die Mutter das Interesse an den Kindern aus erster Ehe. Sie wurden zu den Großeltern abgeschoben. Tanjas schulische Leistungen rutschten in den Keller. Mit einem Hauptschulabgangszeugnis kam sie an eine Berufsfachschule für Sozialpflege. Das Bestehen des Probehalbjahres war zunächst fraglich. Monatelang arbeiteten Jugendamt und Klassenlehrerin zusammen, um die Schülerin zu stabilisieren. Endlich bekam Tanja die Kurve, bestand die Ausbildung zur Sozialbetreuerin mit einem Notendurchschnitt von 3,2 und jetzt in der Altenpflegeschule platzt der Knoten vollends. Am Ende des 2. Ausbildungsjahres hat sie einen Notenschnitt von 2,2.

Steffen quälte sich eher lustlos durch die Schule und machte nur das Allernotwendige, einen halbwegs brauchbaren Hauptschulabschluss zu machen. Und genauso quälte er sich durch die Berufsfachschule und dem ersten Praktikum in der Altenpflege. Dann folgte das Praktikum in der Heilerziehungspflege. Das war sein Ding. In der elften Klasse schnellte er auf einen 2er Notenschnitt, besucht zur Zeit die Berufsfachschule für Heilerziehungspflege, ist dort Klassenprimus und will im Anschluss Sonderpädagogik studieren.

Derartige Beispiele sind eher die Regel an den Berufsfachschulen für Sozialpflege. Familiäre Probleme, materielle Belastungen der Familie besonders mit Hartz IV, lange Krankheiten, Benachteiligung von Migrantenkindern, Mobbing etc verhindern oft genug eine entsprechende Schullaufbahn. Nicht immer liegt es an den Schülerinnen oder Schülern, aber viele ergreifen an den Berufsfachschulen ihre Chance.

Und gerade durch die generalisierte Pflegeausbildung eröffnen sich für viele junge Menschen ganz neue Perspektiven. Anfangs meinetwegen fixiert auf einen Pflegeberuf nach dem Motto "Muss ich eben das machen" kommt der Wahrsager für sie mit dem Praktikum in einem ganz anderen Pflegeberuf, plötzlich haben sie ein Ziel vor Augen, bringen Leistungen, die sie manchmal selber verblüffen und mit den ersten Erfolgserlebnissen stellt sich dann der Ehrgeiz ein. Gehen sie in weiterführende Ausbildungen, haben sie einen großen Vorteil: Sie hatten zwei Jahre Zeit, unterschiedliche Berufsfelder kennen zu lernen und sich darüber klar zu werden, was sie wirklich wollen.

 

Das Ziel für die Zukunft kann nur lauten:

  • bestmöglichst ausgebildetes Pflegepersonal
  • Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufes
  • Angleichung an internationale Standards
  • nachhaltige Reform der Pflegeausbildung
  • generalisierte Pflegeausbildung

 

 Die Berufsfachschulen für Sozialpflege machen mit. Und Ihr?