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Die Gewalt fängt nicht an wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an wenn einer sagt: "Du bist krank: Du mußt tun, was ich sage!" 
                                                                                      (Aus dem Gedicht „Gewalt“ von Erich Fried)

 

Gewalt in der Pflege

 

 Tabuthema

 Von Gewalt wird gesprochen, wenn eine Person zum "Opfer" wird.

 Gewalt durch Pflegepersonen gegen Klienten

 Gewalt durch Klienten gegen Pflegepersonen

 

In der Pflege unterscheidet man die Gewaltformen in 

direkte oder personale Gewalt

  • körperlich: z.B. schlagen, kneifen, grob anfassen, ohne Begründung fixieren
  • seelisch: z.B. beschimpfen, beleidigen, verkindlichen, demütigen 

Gewalt durch Unterlassung

  • körperlich: z.B. Verweigerung von Hilfsmitteln, Nahrung oder Toilettengängen, Klingel "überhören"
  • seelisch: z.B. ignorieren, fehlende Zuwendung, keine Erklärungen oder Ankündigungen

 

indirekte oder strukturelle Gewalt

  • körperlich: z.B. strenge Heimordnung, fester Zeitplan, bauliche Unzulänglichkeiten, Personalmangel
  • seelisch: z.B. Kontakte verhindern oder erzwingen, keine Wahlmöglichkeit der Pflegeperson, Personalmangel

 

Quellen der Gewalt

 

 

 

Nach dem Pflegemodell von Monika Krohwinkel der AEDL´s (Aktivitäten und existenzielle Erfahrungen des Lebens) kann man zu den AEDL´s typische Gewaltsituationen des Pflegealltags zuordnen. 

1.   Kommunizieren 

  • Unangebrachte Sprache (Jugendsprache, Umgangssprache: Beispiel: "Welche Klamotten wollen sie heute anziehen?" Klamotten ist heute ein üblicher Begriff für Kleidung, für alte Menschen ist der Begriff meistens ausgesprochen negativ besetzt)
  • Verbal verkindlichen (unabgesprochenes Duzen, Verniedlichung des Namens, fehlende Fachsprache wie Lätzchen, Windeln, füttern, zurechtweisen, bevormunden)
  • Demütigungen (abfällige Äußerungen wie "Hat die sich schon wieder vollgemacht?", Unterhaltungen über den Kopf des Betreuten hinweg, Schimpfwörter, respektlose Anrede wie "Oma", über Betreute lachen oder Witze reißen)  
  • Verletzungen (lautes Reden oder Schreien, besonders bei Schwerhörigen, erzwungene Kommunikation)
  • Ausschluss von Kommunikation (Sprechverbote, verweigern von Hörgeräten, fehlende oder verschmutzte Brille, Vermeidung von Blickkontakt, ignorieren)
2.   Sich bewegen 
  • Vorsätzliche Bewegungseinschränkungen (fehlende Mobilisierung, fixieren, sedieren, ein Aufstehen verhindern, indem der Stuhl zu eng an den Tisch geschoben wird, einschließen, Ausgänge verstellen, fehlende oder falsche Hilfsmittel)
  • Fehlende Fachlichkeit (Griff in die Gelenke und Körperhöhlen beim Transfer, falsche Lagerungen, die die Eigenbewegung unterbinden, grobes Zupacken bei Unterstützung der Eigenbewegungen, ruckartige Bewegungen, überdehnen oder überstrecken der Extremitäten, Widerstände brechen zum Beispiel bei Kontrakturen, ziehen, schubsen, zu schnelles Laufen)
3.   Vitale Funktionen des Lebens aufrecht erhalten 
  • Temperatur (nicht witterungsgerechte Kleidung anziehen, Wassertemperatur bestimmen, unangemessenes Bettzeug)
  • Atmung (zu enge Kleidung anziehen, Kopfteil nicht hochstellen bei Atmungsproblemen, Zugluft, offenes Fenster bei der Grundpflege, mangelhaftes Lüften 
  • Blutdruck (mangelhafte Beobachtung, keine regelmäßigen Kontrollen, Überforderung)
4.   Sich pflegen 
  • Unterdrückung von Bedürfnissen (Missachtung der Intimsphäre, Rituale, Vorlieben des Betreuten, nächtliches Waschen)
  • Erzwungene Bedürfnisse (Zwang zu Vollbad oder Dusche, Umsetzung eigener Hygienevorstellungen, Zwangsparfümierung)
  • Missachtung der Bedürfnisse (gegen den Willen Haare oder Fingernägel schneiden, Bart stutzen oder wachsen lassen, keine Möglichkeit der Kontrolle einräumen durch fehlenden Spiegel, Zöpfe flechten) 
5.   Essen und Trinken 
  • Behindern der Nahrungsaufnahme (Vorenthaltung von Hilfsmitteln, unzureichende Trink- und Essportionen, unerreichbare Platzierung des Essens, unzureichende Mundpflege, Vorenthaltung der Zahnprothese)
  • Gefährliche Verabreichung von Nahrung (stopfen, zu schnell, keine Zeit zum Schlucken lassen, Zwangsernährung)
  • Geförderte Appetitlosigkeit (starre Essenszeiten und Speiseplan, Missachtung von Ritualen und Gewohnheiten, erzwungener Kleiderschutz, Plastikgeschirr, Verabreichung des Essens auf dem Nachtstuhl, routinemäßig passierte Kost, erzwungene ungeeignete Tischnachbarn oder erzwungene isolierte Nahrungsaufnahme)
6. Ausscheiden 
  • Unterlassung (zu wenige Toilettengänge, auf der Toilette endlos sitzen lassen, Inkontinenzmaterial nicht zeitnah wechseln, Dauerkatheter, Analtampons, Fäkalkolletoren ohne zwingende medizinische Indikation, 
  • Erschwerte Ausscheidung (Abführtage, nicht angebrachte Verabreichung von Abführmitteln, falsche Ernährung und / oder zu wenig Flüssigkeit, Verletzung der Intimsphäre)

7.   Sich kleiden 

  • Diskriminierung (Jogginganzüge statt gewohnter Kleidung, Entzug der Kleidung, tagsüber Nachtbekleidung, geschlossener Body, Zwang zur Rollstuhlkleidung, Zuteilung von Kleidung, auch von Verstorbenen, Verweigerung von Miederwäsche, Missachtung von Stil, Gewohnheiten, Rituale der Betreuten)  
8.   Ruhen und schlafen
  • Störung der Bedürfnisse (starre Tagesstrukturen, die nicht den Rhythmus des Betreuten beachten, zu zeitiges Wecken oder Waschen, Verweigerung oder erzwungene Ruhezeiten wie Mittagsschlaf)
  • Störung der Nachtruhe (Verabreichung von Schlafmitteln ohne notwendige Indikation, zu laute Kontrollgänge, nächtliches Licht anmachen oder anstrahlen mit der Taschenlampe, ungeeignete Zimmernachbarn mit aufwendiger nächtlicher Pflege) 
  • Erschwerte Ruhephasen (Missachtung von Ritualen und Gewohnheiten, zwangsweise Pflegebetten, Heimbettwäsche statt eigener, keine Rückzugsmöglichkeiten) 
9.   Sich beschäftigen 
  • Hemmung der Interessen (Über- und Unterforderung, unangemessene Beschäftigungsangebote wie Kindergartenspiele, keine Orientierung an früheren Interessen und Hobbys, Zwang zu Tätigkeiten, auch ungeliebten) 
  • Psychischer Hospitalismus (Vernachlässigung geistiger Ressourcen, Dauerberieselung von Fernseher oder Radio, fehlende Kommunikations- und Beschäftigungsangebote, stundenlanges Dösen am Tisch im Tagesraum, fehlende Reizangebote oder Reizüberflutung, felende Zuwendung)
  • Hemmung der Motivation (starrer Tagesablauf, Gruppenzwang, Zwang zur Teilnahme an Feiern oder Ausschluss von Feiern, keine Mitbestimmung für Beschäftigungen, Ignoranz zu Vorschlägen oder Wünschen seitens der Betreuten) 
10. Sich als Mann oder Frau fühlen und verhalten
  • Sexualität (Verhinderung oder Verunglimpfung sexueller Beziehungen der Betreuten, sexuelle Äußerungen der Betreuten lächerlich machen, Fixierungen, um Selbstbefriedigung zu unterbinden, anzügliche unangebrachte Bemerkungen oder Berührungen, keine Rückzugsmöglichkeit, Zimmer betreten ohne anzuklopfen)
  • Zerstörung des Rollenverständnis (Einheitsfrisuren, unangemessene Kleidung wie Jogginghosen statt Kleider, verkindlichen, keine Anerkennung der früher ausgefüllten Rolle, erzwungenes Benehmen oder Verhalten "So benimmt sich keine Dame / Herr",  
  • Verletzung des Schamgefühls (Waschungen im Intimbereich ohne Sichtschutz, Anbringen eines Katheters, Urinkondoms oder Einsatz von Inkontinenzmaterial ohne zwingende Indikation, keine Wahlmöglichkeit gleichgeschlechtlicher Pflegeperson)

11. Für eine sichere Umgebung sorgen 

  • Gefährdungen (Fehlende Orientierungshilfen, fehlende Hilfsmittel, keine Handläufe und Haltegriffe, unnötige Bettgitter, die überklettert werden, fehlende Bettgitter bei entsprechender Indikation, Überversorgung, mangelnde Kontrolle und Wartung elektrischer Geräte, Stolperfallen nicht entfernen, nasse Fußböden, umstellen von Möbeln ohne ausreichende Information, besonders bei Sehbehinderten) 
  • Soziale Unsicherheit (Vertrauensbruch, nicht gehaltene Versprechungen oder Verabredungen, unberechenbares, vom Betreuten nicht nachvollziehbares Verhalten vom Pflegepersonal, starke Stimmungsschwankungen der Pflegekräfte) 
  • Emotionale Unsicherheit (keine Eigenmöblierung, Anstaltsmöbel, privates Eigentum, Andenken, Erinnerungen ungefragt entsorgen oder wegwerfen, Drohungen mit Kündigung oder Rauswurf)

12. Soziale Bereiche des Lebens sichern

 

  • Vernachlässigung (sich selbst überlassen, wegschicken, ignorieren, Mittel verweigern zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, reizarmes Umfeld, fehlende Bezugspersonen, unpersönliches, distanziertes Verhalten der Pflegenden)  
  • Soziale Kontakte (Besuchszeiten, Verhinderung oder mangelnde Förderung von Außenkontakten, Zerstörung von Kontakten durch ungewollte Zimmerverlegung oder Heimwechsel)
13. Mit existentiellen Erfahrungen des Lebens umgehen 

 

  • Zerstörung der copings (Vorurteile, abblocken von Gesprächen, Unkenntnis über historischen Kontext und damit verbundene Verurteilungen, fehlende Akzeptanz und Wissen über die Religion des Betreuten und daraus resultierende Vorurteile und unangemessenes Verhalten, fehlende Wertschätzung des Betreuten, vermitteln von Hoffnungslosigkeit oder oberflächlichen Optimismus wie "Das wird schon wieder!", Unterdrückung von Gesprächen über Krankheit, Behinderung, Sterben, Tod)

 

Diese Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil! Jede Pflegekraft, die ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass sie bereits mit diesen mehr oder weniger subtilen Gewaltformen konfrontiert war, sie oft auf den ersten Blick gar nicht als Gewalt wahrnahm oder durch strukturelle Zwänge selber Gewalt gegen Betreute ausüben musste. Und dennoch streiten Pflegende überwiegend ab, dass es in ihrer Einrichtung Gewalt gegen Betreute geben könnte und wundern sich, warum sich Menschen mit Händen und Füßen gegen eine Heimeinweisung wehren.

Wer denkt, dass er nichts ändern kann, akzeptiert die Gewalt. Dann wird sich auch nichts ändern. Man sollte aber stets daran denken, dass nicht nur Betreute von der Gewalt betroffen sind, sondern auch das Pflegepersonal. Mehr oder weniger bewusst wird die Atmosphäre der Gewalt registriert, erfühlt, gespürt. Die Reaktionen der Pflegenden durch die ständig miterlebte Gewalt sind unterschiedlich. Einige Pflegekräfte verrohen und entwickeln ein gestörtes Sozialverhalten, unter dessen Folgen sie früher oder später selber leiden, andere resignieren und reagieren mit Arbeitsunzufriedenheit, Rückzug, Verweigerung oder Ausstieg, leiden unter Stresssymptomen und rutschen schlimmstenfalls in ein BurnOut. Der nächste Gesichtspunkt ist der, dass Betreute, die ständig Gewaltsituationen ausgesetzt sind, mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigen, immer schwieriger werden und dadurch die Arbeitssituation sich verschärft und die Arbeitsbedingungen erschwert sind. Auf Gewalt folgt Gegengewalt, gleich in welcher Form und es schaukelt sich zunehmend hoch. Wodurch sich die Reaktionen und Symptome des Pflegepersonals multiplizieren. Gegen Gewalt in der Pflege etwas zu tun ist also im ureigenen Interesse des Pflegepersonals.

 

Maßnahmen zur Vermeidung von Gewalt

Strukturell

  • bauliche Anpassung, Architektur an Bedürfnisse der Betreuten und Pflegenden
  • ausreichend Personal, Material und Hilfsmittel
  • Abbau von Hierarchie, partnerschaftlicher Führungsstil
  • Lockerungen und Anpassung der Heimordnung und Tagesstrukturen
  • Flexiblere Arbeitszeiten, Kinderbetreuung
  • mindestens tarifgemäße Entlohnung
  • umfassende Angebote an Fort- und Weiterbildungen, Qualifizierung
  • Qualitätsmanagement, Präsenz des Managements auf Stationen / in Gruppen
  • Supervision, Krisenintervention, regelmäßige Teamsitzungen
  • Einhaltung der Pausen mit Rückzugsmöglichkeiten
  • Einbindung von Angehörigen, Besucherdiensten, ehrenamtlichen Helfern 

Persönlich

  • Hilfen annehmen, Probleme ansprechen
  • Beitritt zum Berufsverband, Gewerkschaft
  • sich fortbilden, qualifizieren, weiterbilden
  • sich mit der Biografie des Betreuten auseinandersetzen
  • Rituale, Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen des Betreuten herausfinden und achten
  • Selbstpflege, Selbstwahrnehmung schulen
  • hinsehen statt wegsehen
  • im Notfall Wechsel des Arbeitsplatzes 

 

Kleiner Tip: Bei einer Bewerbung in einer Pflegeeinrichtung immer einen Blick auf den Dienstplan werfen. Ist der mehr rot als schwarz, besser in einer anderen Einrichtung bewerben.

 

Gewalt von Betreuten gegen Pflegepersonal

Gewalt findet nicht nur von Pflegenden gegen Betreute statt, umgekehrt üben auch Betreute Gewalt aus. Verbale Entgleisungen und auch direkte körperliche Gewalt sind keine Seltenheit. Dabei ist ein Grundproblem, dass diese Gewalt oft verhamlost oder bagatellisiert wird. Betroffenem Personal wird häufig eine Mitschuld unterstellt oder der Vorfall ins Lächerliche gezogen. Richtig wäre, den betroffenen Kollegen und den Vorfall ernstzunehmen und in Hilfegesprächen aufzuarbeiten. Kommunikation und Dokumentation sollten den Vorfall genau beschreiben, eine Fallbesprechung könnte Klarheit zu den Ursachen bringen. 

Gründe für Aggressionen von Betreuten können eigene Gewalterfahrung sein, neurologische oder psychiatrische Erkrankungen, Drogen oder Medikamente.

 

Maßnahmen zur Gewalt durch Klienten

  • Betreute lernen durch Nachahmung, daher sollten Pflegende ein gewaltfreies Verhalten vorleben
  • Entwicklung von Normen gegen Gewalt in der Einrichtung
  • Fort- und Weiterbildung der Pflegenden zu Deeskalationsstrategien
  • intensive Kommunikation und deeskalierende Kommunikationstechniken
  • genaue Patientenbeobachtung, regelmäßige Fallbesprechungen
  • Reflexion des eigenen Verhaltens, Einholung von Feedbacks