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Was versteht man unter Gewalt?

 
Das Wort Gewalt kommt aus dem Althochdeutschen (waltan). Waltan bedeutete stark sein, beherrschen. Unter Gewalt versteht man heute jede Handlung, die dazu dient, eine andere Person gegen ihren Willen zu beeinflussen, zu verändern und / oder zu schädigen, sei es duch Zwänge, deren Androhung oder durch Einsatz körperlicher Überlegenheit.
 
 
Verschiedene Formen von Gewalt: 
  • Körperliche Gewalt

Z.B. stoßen, schlagen, treten, würgen, festhalten, Misshandlungen mit Gegenständen, bewerfen, fixieren, verbrennen, Verletzungen zufügen, Essensentzug

  • Sexuelle Gewalt

Z.B. Vergewaltigung, Zwang zu sexuellen Handlungen, sexuelle Angriffe, als Sexobjekt behandelt werden, Verletzung der Intimsphäre

  • Psychische Gewalt

Z.B. kontrollieren, für verrückt erklären, bedrohen, einschüchtern, beleidigen, ängstigen, ungerechtfertigte Schuldzuweisungen, erniedrigen, demütigen

  • Ökonomische Gewalt

Z.B. Armut, Verbot oder Zwang zur Arbeit, Geldzuteilungen, etwas verweigert oder weggenommen bekommen, den Zugriff auf das Konto verwehrt bekommen, kontrollieren

  • Soziale Gewalt

Z.B. ausnutzen, ausbeuten, Machtmissbrauch, abwertendes Verhalten, Entscheidungen ohne Mitsprache, eingeschränkte Kontakte, Überwachung, Ausschluss aus der Gesellschaft, fehlende Chancengleichheit

Die verschiedenen Formen der Gewalt sind fließend und in der Regel nicht klar voneinander abtrennbar. Ein grundsätzliches Problem bei Gewalt ist, dass körperliche und / oder sexuelle Gewalt nur ein Teil des Gewaltverhaltens darstellen, die aber sichtbar oder gut nachweisbar sind. Die anderen Gewaltformen sind subtiler und meist länger andauernd. Gewaltformen wie psychische Gewalt, ökonomische Gewalt oder soziale Gewalt sind schwerer zu erkennen und beweisbar, aber die Folgen und Konsequenzen für die Opfer sind genauso hart und gefährlich. Die schlimmste Erfahrung für Gewaltopfer ist die eigene Entfremdung und schließlich Aufgabe der eigenen Persönlichkeit. 

 

Häusliche Gewalt

Unter häuslicher Gewalt versteht man Gewalt zwischen Menschen, die in einem Haushalt zusammen leben. Diese Gewalt kann in Paarbeziehungen auftreten, aber auch in Form von Gewalt gegen Kinder, Gewalt von Kindern gegen Eltern, Gewalt zwischen Geschwistern und Gewalt gegen im Haushalt lebende alte, kranke oder behinderte Familienangehörige. Häusliche Gewalt kommt in allen Schichten, Altersgruppen, Religionen, Nationalitäten vor und ist nicht an ein Geschlecht gebunden.
 
n der Regel ist häusliche Gewalt kein einmaliges, außergewöhnliches Ereignis. Es ist meist ein vielschichtiges Misshandlungsverhalten. Ziel der häuslichen Gewalt ist umfassend die Macht und Kontrolle über eine andere Person zu gewinnen.
 
Die häusliche Gewalt entwickelt eine eigene Dynamik. Die US-amerikanische Psychologin Prof. Dr. Eleonore Walker beschreibt diese Dynamik mit dem "Kreislauf der Gewalt" und entwickelte ein 3-Phasen-Modell:
 
 
 
Dieser Kreislauf wird zu einer Spirale. Die Gewalttätigkeiten werden immer schlimmer und / oder immer häufiger. Die Entlastungs- und Entschuldigungsphasen verringern sich. Je öfter die Opfer diesen Kreislauf durchlaufen, umso geringer sind die Chancen, ihm zu entkommen. Begründet ist dies in dem Wesen der einzelnen Phasen.
 
In der 1. Phase verhindert die emotionale Bindung zwischen Täter und Opfer einen rechtzeitigen Ausstieg. Dazu kommt, dass Täter und Opfer häufig in finanziellen Abhängigkeiten sind (zum Beispiel das gemeinsame Haus, das noch abgezahlt werden muss, nur einer der Beiden ein eigenes Einkommen hat, etc), Verlustängste (materiell, emotional), Zerstörung der Familie (evtl. Verlust der Kinder), Angst vor sozialer Isolation (beispielsweise Verlust des gemeinsamen Freundeskreises), Zukunftsängste (sozialer Abstieg, Imageschaden, Prestigeverlust, etc), Konflikte mit dem eigenen Rollenverständnis, der eigenen Sozialisation (fehlende copings), mit der Gesellschaft und der Religion (“Bis dass der Tod euch scheidet”).  
 
Das Opfer versucht Strategien zu entwickeln, den häuslichen Frieden zu wahren, gemeinsam Erreichtes zu erhalten und verdrängt zunehmend die Realität. 
 
In der 2. Phase ist besonders der emotionale Schock ein Problem. Solche Schockzustände dauern meist ein bis zwei Tage an, können aber auch erheblich länger wirken. Die Opfer sind in dieser Zeit eher handlungsunfähig, was dazu führt, dass sie oftmals erst verspätet um Hilfe (Arzt, Polizei, Justiz) suchen. Sie erfahren dann häufig, dass ihre Aussagen angezweifelt werden (Wenn das wirklich so schlimm war, dann hätte sich das Opfer doch gleich an uns gewandt und nicht erst jetzt!”). Dazu kommen Vorurteile, Untersuchungen, die meistens erheblich die Intimsphäre des Opfers verletzen, und Erwartungen, die das Opfer in dem Zustand nicht erfüllen kann. Eine neue Gewaltsituation entsteht. Das Opfer fühlt sich dadurch noch stärker hilflos, gebrandmarkt, orientierungslos.
 
Viele Opfer verzichten daher auf Hilfsangebote. Dadurch gibt es eine hohe Dunkelziffer an häuslicher Gewalt. Zusätzlich wenden sich nahestehende Personen vom Opfer ab (Wenn das Opfer keine  Anzeige erstattet, dann will es das Opfer wohl so haben".)
 
In der 3. Phase werden Opfer vom Täter systematisch „weichgeklopft”. Dabei handeln Täter nicht unbedingt so, weil sie sich der emotionalen Bindung bewusst wurden, sondern auch, um sich den Konsequenzen ihres Gewaltausbruches zu entziehen. Die Opfer erfahren, dass der Täter nicht nur gewalttätig, sondern auch freundlich, lieb, fürsorglich ist. Als Überlebensstrategie in aussichtslosen Situation entwickeln Opfer eine teilweise Identifikation zu Tätern (nachgewiesen durch Untersuchungen an Geiseln, sogenannte Modell des  „Stockholm-Syndroms“). Das ermöglicht den Opfern, aus der Perspektive des Täters zu sehen und zu fühlen, um schneller Gefahren erkennen und darauf reagieren zu können. Mit fatalen Folgen, denn das Opfer häuslicher Gewalt verliert zunehmend sein „Ich“ an den Täter und wird durch ihn fremdbestimmt. 
 
Das Opfer verliert an Realitätssinn und hofft, dass das jetzt gezeigte Gesicht des Täters sein wahres” Gesicht sei. Hilfsangebote werden nun abgelehnt, Kontakte zu Beratungsstellen abgebrochen und Strafanzeigen zurückgezogen.
 
Folgen von häuslicher Gewalt
 
Gewaltopfer verlieren immer mehr Selbstvertrauen, fühlen sich immer ohnmächtiger, minderwertiger und ausgeliefert. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit und Identifikation mit dem Täter. Die soziale Isolation wird stärker, der Täter erreicht eine weitgehende Kontrolle über Kontakte seines Opfers. Dem Opfer werden Kontakte entzogen durch die Rückkehr zum Täter.   
 
Folge sind erhebliche gesundheitliche Störungen wie bei den psychischen Erkrankungen. Um einige zu nennen:
  • Verletzungen durch offene körperliche Gewalt wie beispielsweise Hämatome, Frakturen, Prellungen
  • Psychische Störungen wie beispielsweise vegetative Übererregung und Nervosität, diffuse Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, erhöte Sucht- und Suizidgefahr
  • Psychosomatische Störungen wie beispielsweise Essstörungen, Migräne, chronische Magen-Darmbeschwerden, Unterleibsbeschwerden
 
Wer Gewalt erfährt und den Kreislauf bei sich selbst feststellt, benötigt Hilfe und Unterstützung. Wichtig ist vor allem, sich nicht weiter in eine soziale Isolation treiben zu lassen. Soziale Kontakte sind überlebenswichtig.
 
Stellt man fest, dass Menschen aus dem Umfeld von Gewalt betroffen sind:
  • nicht wegsehen
  • kühlen Kopf bewahren, niemals überstürzt handeln, damit gefährdet man die Opfer zusätzlich
  • die eigenen Grenzen für Hilfsmaßnahmen erkennen
  • möglichst zum Opfer den Kontakt halten ohne jeglichen Vorwurf, Bevormundung, „Besserwisserei“
  • aufpassen, dass man nicht vom Täter instrumentalisiert wird
  • unbedingt selber eine Beratungsstelle kontaktieren und sich beraten lassen

Mögliche Anlaufstellen sind Opferstellen, Kinderschutzbunde, Frauenhäuser, Beratungsstellen für Gewaltopfer. Es ist auch möglich, sich anonym beraten zu lassen. Gute Beratungsstellen arbeiten auch begleitend mit dem Ziel, dass die Kontaktperson dem Opfer helfen kann, professionelle Hilfe anzunehmen. Auch Polizeidienststellen sind Anlaufstellen bei begründetem Verdacht. Sie verfügen über speziell geschulte Einsatzkräfte gegen häusliche Gewalt.