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Posttraumatische Belastungsstörung im historischen Kontext

 

Bereits 1850 beschäftigte sich die Gerichtsmedizin in Frankreich mit der Traumatisierung von Kindern, ausgelöst durch Kindstötungen mit sexuellem Hintergrund. Statistische Erhebungen zu diesem Thema waren in dem Umfang erschreckend. Die Untersuchungen dazu führten zu Anzeigen, von denen auch führende Persönlichkeiten betroffen waren. Daraufhin wurden die Untersuchungen der Gerichtsmedizin als Spinnerei und Phantasterei dargestellt und unterbunden.

 

 

 

 

 

Dr. Jean-Martin Charcot, französischer Psychiater und Neurologe (1825-1893), stellte bei seinen überwiegend weiblichen Patientinnen, bei denen "Hysterie" festgestellt wurde, häufig traumatische Erfahrungen als Ursache fest.

 

 

 

 

 

Sein Schüler Dr. Pierre Janet (1859-1947) setzte Charcots Forschungen fort und beschrieb die PTBS und deren Symptome. Auch er war mit seinen Arbeitsergebnissen Anfeindungen ausgesetzt und seine Lehre geriet schließlich in Vergessenheit.

 

 

 

 

Der österreichische Arzt Sigmund Freud (1856-1939) absolvierte bei Charcot ein längeres Praktikum. In seiner Arbeit zur "Ätiologie der Hysterie" beschrieb auch er traumatische Erfahrungen als Krankheitsursache. Die Reaktion auf diese Veröffentlichung war berufliche Isolierung und Boykott, was ihn schließlich zu einem "Widerruf" veranlasste. Das Trauma war danach in der Psychotherapie regelrecht tabuisiert.

 

Kaum waren in Großbritannien die ersten Eisenbahnen unterwegs, kam es auch zu Unfällen und Zwischenfällen. Bei den Haftpflichtversicherungen gingen Klagen auf Entschädigungen ein, in denen als Beeinträchtigung typische PTBS-Symptome geschildert wurden. Dazu gab es durch die Gutachter Erkläungsversuche zur Ursache:

  • Somatogen (Erschütterungen der Wirbelsäule und Rückenmark)
  • Psychogen (Schreck, Schock)
  • Simulation (Versicherungsbetrug)

Die größte Gruppe der Gutachter entschied sich für die Simulation, dass heißt, den Klägern wurde unterstellt, dass sie mit der Vortäuschung der Symptome lediglich die Versicherung abzocken wollten. 

 

Die Augen, der Blick des linken Soldaten verraten eine schwere PTBS. (Public domain, 1917, British Government)  

 

 

Im I. Weltkrieg gab es ab 1916 das Phänomen der Kriegszitterer. Viele Soldaten bekamen ein starkes Zittern, dass sie nicht beeinflussen konnten. Betroffen waren alle Soldaten, auch die der Alliierten. Dieses Phänomen war eine Folge des Stellungskrieges. Die Kriegszitterer waren schwer traumatisiert durch wochen-, oft monatelanges Ausharren in den Schützengräben. Hilflos waren sie in ihrer Situation gefangen und konnten nicht vorhersehen, wann wer erwischt wird und umkommt oder verkrüppelt wird.

 

Für das massenweise auftretende Kriegszittern gab es wieder Erkläungsversuche:

  • Somatogen (Erschütterungen der Wirbelsäule und Rückenmark durch Granateinschläge oder Druckwellen)
  • Psychogen (Schreck, Schock, Todesangst)
  • Simulation (Feigheit, Drückebergertum)

Die größte Gruppe der Militärärzte vermutete Simulation, dass heißt, den Soldaten wurde unterstellt, dass sie sich dem Fronteinsatz entziehen wollten. Von daher war die "Therapie" so gestaltet, dass die Soldaten sich lieber an die Front zurückmeldeten, bevor sie weiterhin die Behandlung ertragen müssten. Eingesetzt wurde eine Aversionstherapie, bei der man dem Zittern mit Eisbädern, Elektroschocks etc begegnete. Die Behandlungsart war derart brutal, dass wirklich viele Soldaten dem Lazarett die Front vorzogen. Der Behandlungs"erfolg" zeigte sich in der Regel schnell: Die Soldaten brauchten oftmals die Front nur zu sehen oder zu hören und prompt setzte das Zittern wieder ein.

Nach dem Holocaust begann das Umdenken. Die Symptome der PTBS wurden anerkannt und die PTBS als Krankheit begriffen. 1956 wurde deshalb in der BRD ein Entschädigungsgesetz erlassen, dass den Betroffenen eine Rente zusicherte. Allerdings ging man dazumal nicht nur in Deutschland noch davon aus, dass das Trauma Wochen, vielleicht Monate, maximal ein 1/2 Jahr andauern könnte. Bei Betroffenen, die länger unter den Symptomen litten, vermutete man eine Vorschädigung.