Suchprogramme, HTTP-Protokoll"> Berufsfachschule für Sozialpflege
 
 
 
 
 
 
 

PTBS und PTR

 

 

Die medizinische Diagnose für die Symptome eines Traumas lautet PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung)

 

oder englisch PTSD (posttraumatic-stress-disorder),

 

die Pflegediagnose PTR (Posttraumatische Reaktion).

 

 

Die PTBS kann unmittelbar nach dem traumatischen Geschehen auftreten, aber auch mit mehrjähriger Verzögerung. Sie kann kurzfristig, aber auch über Monate, Jahre und Jahrzehnte bestehen bleiben und bewirkt Erlebens- und Verhaltensänderungen. Bei Holocaustüberlebenden begriff man schnell die Ursachen für Beschwerden.

 

In der Täter - Opfer - Diskussion in Deutschland ging es aber sehr lange unter, dass nicht immer Opfer nur Opfer gewesen sein mussten und Täter nur Täter. Die größte Gruppe, deren Zuordnung sich in Täter - Opfer - Schubladen ausgesprochen schwierig gestaltete, waren die Frauen. Sicher gab es etliche Frauen, die erschreckend waren in ihrem Fanatismus für die braune Diktatur. Die durch ihren Rassismus, inhumanes Gedankengut, ihre Verbohrtheit, Brutalität und Intoleranz eindeutig ihren Mitmenschen schwersten Schaden zufügten. Es geht auch nicht darum, ihre Verbrechen gegen andere Verbrechen aufzuwiegen und dadurch zu mildern. Es gab allerdings auch Frauen, die sich nicht direkt an den Naziverbrechen beteiligten, wenn, dann dadurch, dass sie wegsahen und schwiegen. Und das war vermutlich sogar die Mehrheit. Die Frauen waren also nicht die treibende Kraft des Hitlerwahnsinnes. In den Spitzen- und Schlüsselpositionen saßen hauptsächlich Männer. Doch die Wut und Rache der pervertierten und entmenschlichten Männerhirne in den gegnerischen Uniformen bekamen in allererster Linie die Frauen ab.

 

 

Und wenn Männer, die vielleicht selber unter Hitlers Schutz gebrandschatzt, gemordet und vergewaltigt hatten, sich zufrieden zurücklehnten und stolz betrachteten, was sie in den Nachkriegsjahren wieder erreicht hatten, entging ihnen oftmals, dass ihre treusorgende Gattin so blass wurde, wenn sie von seinen Landsererlebnissen hörte. Denn unter Umständen löste er mit seinen Erzählungen bei ihr Erinnerungen aus, die sie nicht wahr haben wollte. Die Massenvergewaltigungen durch die sowjetischen Soldaten waren bekannt. Doch auch Soldaten anderer Länder vergriffen sich an den Frauen.

 

"Aber das geschah doch nur den anderen Frauen, nicht einem selber."

 

Frauen, die derartiges erfuhren, mussten irgendwie weiterleben. Und es standen keine Heerscharen von Psychologen bereit, um mit ihnen die fast nicht zu bewältigenden Erlebnisse aufzuarbeiten. In der Regel schwiegen sie auch gegenüber den eigenen Männern aus Angst vor deren Reaktionen. Wer am Leben blieb und nicht durchdrehen wollte, musste verdrängen. Es gab noch einen Grund zum Schweigen:

 

"Na, es wurden doch nicht alle vergewaltigt. Wer weiß, wie die sich gab, dass die Soldaten sie mitnahmen."

 

Sollten sie also zugeben, was ihnen geschah, um dann noch zusätzlich gebrandmarkt zu werden? Das erklärt auch, weshalb die Vergewaltigungen beispielsweise in Berlin publik waren, man aber selten Opfer findet. Ich habe mich in dieser Stadt mit ungefähr 1500 Frauen unterhalten, die 1945 zwischen 8 und 80 Jahren waren. Alle hatten davon gehört, es mitbekommen, wussten Bescheid. Aber sie selber gehörten zu den Glücklichen, denen nichts passiert war.

 

 

Frauen, die so etwas wirklich nicht erleben mussten, lebten unter Umständen aber in der panischen Angst, dass es ihnen passieren könnte. Dazu kamen die Kriegseinwirkungen, Bomben, Straßenkämpfe, Verletzte, Tote usw. Viele Männer, auch Täter, wobei nicht jeder Mann automatisch Täter war, konnten ebenfalls unter einer PTBS leiden durch Kriegserlebnisse, in denen sie um ihr Leben fürchteten, Kriegsgefangenschaft, Flucht etc.

 

 

Millionen Deutsche waren von Flucht und Vertreibung betroffen, verloren ihre Heimat, ihren gesamten Besitz, ihre gesicherte Existenz, erlebten unterwegs grauenhafte Situationen. In Fernsehinterviews, Jahrzehnte nach diesem Geschehen, brechen sie bei der Erinnerung an diese Zeit in Tränen aus und verlieren völlig die Fassung.

 

         

 

Was hat das mit den Pflegekräften im Jahre 2006 zu tun? Diese Menschen sind im Altenpflegebereich unser Klientel. Und gerade im Alter brechen häufig Bilder, Erfahrungen, Erlebnisse hervor, die lange verdrängt, verschüttet waren.

Ich habe es oft genug miterlebt, dass viele Pflegekräfte den Kopf darüber schütteln, weil die alten Frauen häufig ein extremes Schamgefühl besitzen. Schön, dass es viele Pflegende feststellen, Schade, dass sie nicht weiter denken. Denn wenn sie sich darüber mal Gedanken machen würden, warum Frau X nicht bereit ist, in der Badewanne die Unterwäsche abzulegen, dann würde ihnen vielleicht das Lachen im Halse stecken bleiben. In den Pflegeheimen und ambulanten Altenpflege wurde und wird man mit Verhaltensweisen konfrontiert, über die man massiv nachdenken sollte.

Patienten oder Betreute, die durch eigenartige Verhaltensweisen auffallen, wurden oder werden häufig mit Psychopharmaka niedergeknallt. Sie werden als depressiv, psychotisch, dement oder verwirrt bezeichnet und eine erneute Chance, oftmals die letzte, verstreicht, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem eine angepasste Pflege geplant und durchgeführt wird. (Was übrigens die Täter in diesem Zusammenhang betrifft, sei bemerkt, dass Altenpfleger keine Richter sind.)

Ich habe in weit über 25 Berufsjahren nicht ein einziges Mal die Diagnose PTBS gesehen. Aber ich hätte eine gute Idee, wie man die Alzheimer-Erkrankungen ruckartig senken könnte: indem man sich die Patienten und Bewohner noch einmal gründlich besieht und unter Berücksichtigung der historischen Ereignisse die Diagnosen überdenkt.

 

 

Frau G. galt als völlig dement durch Alzheimer. In unserer Einrichtung fiel sie durch ihre große Unruhe auf, lief ständig planlos herum. Sie konnte sich nicht verbal artikulieren. Durch einen Sturz wurde sie bettlägrig. Wenn ich mich in der Nachtwache an ihr Bett setzte, wanderte ihr Blick sofort zum Fernseher. Denn sie wusste genau, dass ich ruhige Abendstunden nutzte, um mit ihr Fernsehen zu sehen, damit sie in ihrem Einzelzimmer ein bisschen Gesellschaft hat. Wenn ich ihr sagte, dass es heute etwas besonders Gutes gibt, grinste sie und verdrehte die Augen. Dann musste sie sich mit mir ein Fußballspiel angucken, was nicht unbedingt ihren Geschmack traf. Ich fragte sie oft, ob diese oder jene Pflegekraft Dienst gehabt hätte. Durch Kopfnicken oder -schütteln beantwortete sie mir meine Frage, auch abends um zehn nach Personen aus dem Frühdienst. Sie irrte nie. Auf sämtliche Fragen konnte sie reagieren, kannte auch Kolleginnen, die gerade angefangen hatten. Ich könnte noch viele Beispiele bringen, die deutlichst zeigten, dass ihr Kurz- und Langzeitgedächtnis fabelhaft funktionierte. Allerdings hatte ihr Langzeitgedächtnis laut ihrer Tochter einen Sprung. So erinnerte  sich ihre Mutter nicht an die Jahre zwischen 1945 und 1949 und sprach auch nie über diese Zeit. 1949 kam ihr Mann aus der Gefangenschaft zurück. Für eine Alzheimer-Patientin nicht unbedingt typisch. Aber ihr abweichendes Verhalten könnte ohne weiteres eine Folge einer chronischen PTBS sein.

 

PTBS im historischen Kontext- nicht mehr aktuell, weil die Kriegsgeneration vom II. Weltkrieg wegstirbt?

 

 

 


powered by Beepworld