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Sterben und Tod

 

Allgemein kann nicht festgestellt werden, wie Menschen früher gestorben sind. Sterben und Tod waren abhängig von Kultur, Tradition, Religion, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen.

  • Kultur: Tod und Sterben war in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Vorstellungen vom Leben. In kriegerischen Kulturen wie in Sparta hatte nur der gesunde, arbeits- und kriegstaugliche Mensch eine Lebensberechtigung. „Lebensuntüchtige Säuglinge“ wurden in eine Schlucht geworfen.
  • Tradition: Einige Indianerstämme besaßen den Brauch, dass sich alte sterbende Menschen von ihrem Stamm entfernten oder entfernt wurden und allein in der Wildnis starben. Andere Indianerstämme hatten die Tradition, dass das gesamte Dorf bei dem Sterbenden blieb.
  • Religion: Religionen, die nach dem Tod ein neues Leben versprachen, erkannten im Tod einen Sinn und ein Ziel.
  • Wirtschaftliche Gründe: Simone Beauvoir beschrieb den Tod ihrer Mutter in „Ein sanfter Tod“ als das Sterben einer Privilegierten. Ihre Mutter konnte würdevoll Sterben, weil die entsprechenden finanziellen Mittel vorhanden waren.
  • Politische Verhältnisse: In Diktaturen wie bei Hitler oder Pinochet wurde das Sterben instrumentalisiert. Gefolgsleute wurden  verherrlicht, Gegner über den Tod hinaus entmenschlicht.

 

Auch in Deutschland wurde das Sterben von diesen Faktoren mitbestimmt: 

  • 1830 Lebenserwartung in Deutschland 33 Jahre
  • 1993 Lebenserwartung in Deutschland 75,4 Jahren (Frauen mittlere Lebenserwartung von 78,2 Jahren, Männer von 72,6 Jahren).

Durch die Kriegserfahrungen mit permanenten Sterben und Tod bekam Mitte der 40er Jahre das Leben einen höheren Stellenwert. Das Leben erschien wertvoller und erhaltenswerter. Zugleich wurde die Medizin leistungsfähiger. Starben 1930 in Deutschland die Menschen noch überwiegend am Geburts- und Heimatort, so wurde verstärkt das Leben, damit auch das Sterben, Institutionen anvertraut. Krankenhäuser wurden zuständig für die Erhaltung des Lebens, manchmal um jeden Preis. Allerdings waren die Sterbeorte in Deutschland sehr unterschiedlich. So starben 1994 in Bingen 80% der Einwohner im Krankenhaus. In Saarburg, einer von der Einwohnerzahl vergleichbaren Stadt, wurden etwa 33% der Menschen zum Sterben aus den Krankenhäusern oder Altenheimen heimgeholt, also in den Bereich der Familie oder Gemeinde.

Die Frage, ob diese Einrichtungen für den Umgang mit dem Sterben des Menschen überhaupt geeignet waren, stand selten im Vordergrund. Dafür mitverantwortlich war, dass Themen wie Behinderung, Alter, schwere Krankheit, Sterben und Tod lange Zeit stark tabuisiert waren, auch eine Folge der Nazizeit. Dagegen stand jedoch der Wunsch der Menschen befragt nach ihrem eigenen Tod. Umfragen zum Sterben ergaben in den 90ern, dass 92% aller Befragten angaben, am liebsten „zu Hause sterben zu wollen“. Gleichzeitig stellte das statistische Bundesamt fest, dass die Zahl der Einfamilienhaushalte zwischen 1957 und 1993 in der BRD um etwa das dreifache gestiegen war. Die Zahl der Mehrfamilienhaushalte nahm dagegen nur um etwa ein knappes Drittel zu. Die steigende Zahl der sogenannten Singles, die nicht familiär eingebunden sind, nahm also rapide zu, wobei es enorme Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen gab und gibt. Der Wunsch, zu Hause sterben zu können, korreliert stark mit der gesellschaftlichen Entwicklung und Demografie.

Der Soziologe Norbert Elias (geboren 22.6.1897 in Breslau, gestorben 1.8.1990 in Amsterdam) stellte 1982 in seinem Buch „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ fest, dass der derzeitige Zivilisationsprozess die Tendenz zur Individualisierung und damit auch zur Ent-Sozialisierung hat. Das bedeutet für Sterbende, dass ihr Abschied aus dem Leben nicht mehr eingebettet in der Lebensfamilie stattfinden wird, sondern vereinsamt in einer Institution wie Klinik, Krankenhaus, Alten- oder Pflegeheim.

Die Zahl der dort arbeitenden Menschen erlaube keine individuelle Sterbebegleitung. Mit den Erfolgen der Medizin wuchs die Erwartung der Bevölkerung, ihr Leben manipulieren und Tod und Sterben vermeiden zu können. Dies führte nach Norbert Elias dazu, den bewussten Umgang mit Altern und Sterben weitgehend zu verdrängen. Wenn die Verdrängung nicht mehr möglich war, flüchten nach Elias die Menschen in zumeist unrealistische Hoffnungen und Wünsche: das Sterben sollte schnell stattfinden, ohne Abschied nehmen zu müssen, möglichst schmerzlos stattfinden und am besten nachts im Schlaf.