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Mein Gott Mädchen - unsere gemeinsame Schulzeit läuft vor mir ab. Du hast mir als Schülerin mindestens 3 graue Haare mehr beschert. Und wir haben uns Beide über jeden Erfolg gefreut. Wieder ein Stück geschafft auf dem Weg. Das Leben ist nicht ohne Ecken und Kanten. Das musstest Du schmerzhaft erfahren. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich Dir immer wirklich rechtzeitig die Hand gegeben habe, um die Kanten etwas runder zu schleifen. Und ich weiß, dass ich Dich öfter hätte in den Arm nehmen müssen - aber das gehörte sich nicht. 

Unsere Klassenfahrt ins Palm Beach - endlos verbrachten wir in der Sole unsere Zeit. Die kleinen und großen Kriege in der Klasse, Geiselwind, das gemeinsame Grillen und und und. 

Zweimal habe ich dich aus dem Klassenraum rausgeschmissen, weil du dich nicht an die Schulordnung gehalten hast. Deine schicken Stiefel waren Dir einfach wichtiger als die Schulordnung. Albern? Klar war es albern. 

Aber meine Aufgabe ist es, Euch nicht nur gut durch die Ausbildung zu bringen, sondern mit auf das Leben vorzubereiten, auf weiterführende Ausbildungen, eigene Familie, Karriere - halt auf die Zukunft. Dass Ihr Eure Zukunft gut bestehen könnt und Eure Träume realisieren. Ich sitze gerade vor einem großen Scherbenhaufen und mein Weltbild ist im Schwanken. 

Wo ist die Zukunft, Deine Zukunft? 

Wenn ich schon nicht loslassen kann, wie muss es erstmal Deiner Familie gehen? Ich kann kein "herzliches Beileid" wünschen - das hieße, zu akzeptieren. Und ich hasse leere Floskeln - die hättest Du auch nicht verdient. Ich habe es versäumt, egal ob es sich schickt oder nicht: Dich in den Arm zu nehmen, wenn die Probleme zu groß für Dich wurden. 

Eine Kerze brennt auf meinem Fensterbrett, der Schein der Kerze versucht Dich zu erreichen, egal wo du bist, und in seinem warmen Licht einzuhüllen, zu umarmen. Das Kerzenlicht erhellt das Klassenfoto über meinem Schreibtisch, das Foto, dass Ihr mir zu Weihnachten geschenkt habt. Dritte Reihe oben in der Mitte - Du blickst zu mir herunter - mein Gott, was würde ich alles dafür geben, Dich nochmal wegen Deiner Stiefel aus der Klasse schmeißen zu dürfen? 

Dein Trumpf war immer: Du wolltest, hattest Ziele, hast gekämpft. Der Wille blieb auf der B299, die Ziele sind verwaist - der Kampf scheint verloren - scheint verloren, solange unser Schmerz noch zu gewaltig ist. Die Weltordnung ist gestört. Lehrer sterben vor Schülern und nicht umgekehrt. Lütte, meine Augen folgen dem Kerzenschein durch die Nacht. Wenn unser Lachen über die Trauer siegt - dann hast Du gewonnen.

9.11.2012 H. Dreyling-Riesop