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Vorgeschichte der Beratungsarbeit in der Pflege

Ein Andenken an die "guten, alten Zeiten" hatte in der BRD die Beratungsarbeit zu verkraften. Denn nach Kriegsende 1945 bestand zunächst ein relativ geringer Beratungsbedarf. Vorrangig waren zunächst Probleme der Existenzsicherung und Wiederaufbau. Dazu kam ein tiefes Misstrauen, verursacht durch die Erfahrungen im Nationalsozialismus. Denn es hatte sich in den Köpfen eingegraben, eventuell als "nicht lebenswert" eingestuft zu werden, wenn man zur Alltagsbewältigung Hilfe benötigte. Es bestand daher eine große Scheu, von offiziellen Stellen ein Beratungsangebot anzunehmen. Beratungen liefen zumeist unprofessionell ab, denn es wurde Rat eingeholt bei Personen, die als vertrauenswürdig galten, auch wenn sie keinem Sozial- oder Medizinalberuf angehörten.

Bis zu den fünfziger Jahren bestand die Beratungsarbeit mit oder für oder über alte Menschen im wesentlichen daraus, geeignete stationäre Einrichtungen für sie zu finden, in denen sie ihre verbleibende Lebenszeit angemessen verbringen können. Die Beratung informierte über die unterschiedlichen Einrichtungen, deren Leistungen wie Pflege oder Zimmerausstattung und die Finanzierung. Berater mussten folglich Informationen zu den unterschiedlichen Einrichtungen haben und darüber informiert sein, was die Kostenträger abdeckten, welche Eigenanteile auf die Ratsuchenden zukämen und wo freie Heimplätze vorhanden waren. Für diese Beratung waren in erster Linie Sozialarbeiter des Sozialamtes oder des Sozialdienstes in den Krankenhäusern zuständig.

In den fünfziger Jahren wurde mehr Wert auf die soziale Integration der alten Menschen Wert gelegt. Nun sollten alte Menschen auch über Beschäftigungsangebote und Begegnungsmöglichkeiten informiert werden. Es entwickelten sich immer mehr die offenen Altenhilfestrukturen.

In den sechziger Jahren betonte das neue Bundessozialhilfegesetz mehr die soziokulturelle Ausrichtung der Altenhilfe. Es entstand das Leitbild: "offene vor geschlossener Altenhilfe". Es wurde mehr Wert darauf gelegt, möglichst lange die Selbständigkeit alter Menschen zu fördern und zu erhalten. Altentagesstätten wurden zunehmend gegründet und entwickelten sich mehr und mehr zum Standardangebot der offenen Altenhilfe. Damit erhielt die Beratungsarbeit aber auch ein ganz neues Gesicht, weil sie entschieden umfassender wurde. Die Beratung für alte Menschen verlagerte sich zunehmend zu den Sozialarbeitern in den Sozialämtern, Bürgersprechstunden, Seniorenberatung und in die Altentagesstätten.

Anfang der siebziger Jahre lag der Akzent auf präventiv ausgerichtete Bildungsangebote in der offenen Altenhilfe. Die Lebensbedingungen der Alten wurden realistischer diskutiert. Auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Untersuchungen wurde der Zusammenhang von Bildungsstand und individuell vorliegender Alterssituation hergestellt. Der individuelle Bildungsstand sollte bei Bedarf "nachgeliefert" und bei der Bewältigung von Altersproblemen präventiv aktiviert werden. Man wollte das psycho-physische Wohlbefinden bis ins hohe Alter hinein sichern. Die präventiven Bemühungen rückten in den Mittelpunkt. Der aktive Senior war die Idealvorstellung. Seniorenberatungsstellen und Altentagesstätten erfüllten nun stärker die Beratungsarbeit, aber innerhalb der präventiven Maßnahmen beteiligten sich staatliche Stellen und Krankenkassen durch Öffentlichkeitsarbeit ebenfalls vermehrt.

Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre versuchte man, die Altenarbeit mehr zu strukturieren. Die Lebenssituation alter Menschen sollte mit Hilfe von Altenhilfeplänen verbessert werden. Jetzt wurden Ämter, Krankenkassen und die sozialen Dienste auch in der Beratung stärker koordiniert. Die Beratungsarbeit wurde dadurch sehr breitgefächert, gleichzeitig aber auch Inhalte und Zweck der Beratung klarer definiert und Rahmenbedingungen festgelegt, die allerdings oft zu starr waren und wenig individuelle Möglichkeiten zuließen.

In den achtziger Jahren sorgte die größer werdende Krise des Wohlfahrtsstaates zu einer vermehrten Selbsthilfeorientierung in der Altenhilfe. Die konservative Kehrtwende in der Altenarbeit forderte eine Reaktivierung und Inpflichtnahme familiärer Netzwerke. Die ambulanten Dienste wurden ausgebaut, um die Pflege in der Familie zu unterstützen. Dadurch übernahmen vermehrt Sozialstationen und Pflegepersonal als direkte Bezugspersonen die Aufgaben der Beratung. Inhalte der Beratung wurden neben gesetzlichen und finanziellen Informationen die Möglichkeiten und Vernetzung der unterschiedlicher Dienstleistungserbringer und Hilfeformen, wie zum Beispiel der "Fahrende Mittagstisch".

In den neunziger Jahren setzt sich eindeutig das Leitbild "ambulant vor stationär" durch. Die Beratungsarbeit richtet sich dabei auf das problematische Alter, also das pflegebedürftige. Beratungen sind somit auf individuelle und professionelle Problemlösungen ausgerichtet, demnach auf Defizite, was allerdings den politischen Ansprüchen entgegen läuft, die sich am Kompetenz- und Aktivitätsmodell vom Alter orientiert. Dadurch entstand eine tiefer werdende Kluft zwischen den Beratungszielen der Politik und der tatsächlichen Beratungsarbeit in der Altenhilfepraxis.

Durch die Entwicklung in den neunziger Jahren wurde die Altenpflegerin erste Anlaufstelle für Beratungsarbeit. Daher ist es nicht nachvollziehbar, dass die Beratungsarbeit in der Ausbildung häufig vernachlässigt wird. Gleichzeitig ist der Beratungsbedarf und -inhalte derart umfangreich geworden, dass die Beratungsarbeit von Einzelnen "im Vorbeigehen" nicht mehr geleistet werden können. Momentan deutet alles darauf hin, dass der professionelle Berater in der Altenpflege ein eigenständiger Berufszweig werden wird.


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